Archiv des Autors: malteloos

 

Noch mal kurz nach Weisswasser geschlüpft, zum Auftanken am Jahresanfang.  Auf der Zauberwiese gewesen. Sie ist auch bei Schnee märchenhaft schön. Und wie immer in Dämmerung und Abendlicht ganz besonders.

In der Dämmerung wandeln sich Wiese und Tal. Die Farben ändern sich und das Licht. Die Formen verwischen, als schliefe die Erde und hebe und senken die Bergrücken mit ihrem Atem. Die Wälder neigen sich einander zu, die Bäume scheinen zu tuscheln und Elfen und Geister zu spielen im Wald.

Langsam heben sich die Konturen ganz auf im Dämmerlicht der Wolken. Das Tal legt Stille in den Blick und beruhigt den Betrachter. Es zieht sich in einen formlosen Schlaf zurück, bereit, Neues formen zu lassen vom Licht der Morgensonne.

Alles löst sich.

 

Der Freiherr von Eichendorff, der ja aus Neisse kam, hat das so ausgedrückt:

 


Es war, als hätt‘ der Himmel
Die Erde still geküßt,
Daß sie im Blütenschimmer
Von ihm nun träumen müßt‘.

Die Luft ging durch die Felder,
Die Ähren wogten sacht,
Es rauschten leis die Wälder,
So sternklar war die Nacht.

Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus.

 

 

 

 

Leider ist das in der Hütte nicht ganz so. Da haben die Silvesterjäger acht Hirsche in der Scheune aufgehängt. Nun denn. Wir werden eine Lösung finden.

 

Ab Mittwoch geht es weiter!

 

Lieben Gruß,

 

Malte

Winterpause und Termine 2019

Ihr Lieben,

 

das Jahr neigt sich zu seinem Ende. Wir haben in 2018 ja im Training so ziemlich alles auf den Kopf gestellt, dessen wir habhaft werden konnten. Ich fand das sehr beflügelnd. Ich hoffe alle anderen auch…:)

 

Ab Mittwoch herrscht erstmal wohl verdiente Ruhe. Am 2. Wochenende in 2019 geht es weiter. Dann fängt auch das jähriche Schachspiel mit Wetter an, ob wir ein Wochenende finden, wo es kalt und ungemütlich genug ist, um morgens um 6 draussen zu üben. Details gebe ich noch bekannt.

 

Seminartermine für 2019 stehen auch fest. Das Frühjahrsseminar Karate findet am Wochenende vom 3. bis 5. Mai in Stolzenhagen statt, das Herbstseminar genauso in Stolzenhagen am Wochenende vom 20.-22. September. Das Sommerseminar ist in Strohdehne am wochenende vom 3.-5- Juli.

 

Ob wir da jeweils noch einen Tag davor oder danach dranhängen, hängt vom Programm ab. Das gebe ich noch gesondert bekannt.

 

Ich wünsche allen frohe Weihnachten und einen schönen Jahresabschluß!

 

Malte

 

 

 

 

 

 

Mango ist tot.

Alfousane Kebbe, 1981-26.11.2018

Ihr Lieben,

unser Freund Alfousane Kebbe, genannt Mango, ist tot. Er starb letzte Woche am Montag im Krankenhaus Neukölln an Tuberkulose. Dort war er am Samstag eingeliefert worden, weil die Schwäche und das Unwohlsein, die er die ganzen letzten Wochen verspürt hatte, sich zu unsäglichen Schmerzen ausgewachsen hatten. Da begannen seine Leber und seine Nieren zu versagen, und das muss so fürchterlich gewesen sein, dass selbst die ständigen Beschwerden in seiner Lunge, in die die Bakterien sich stetig hineinfrassen, in den Hintergrund traten.

Von all dem wusste Mango nichts. Er war in den Jahren die wir ihn kannten, immer mal wieder krank gewesen. Er war aber nie auf die Idee gekommen, das könne etwas Ernstes sein. Mango hatte sich letzten Monat bei einem Arzt vorgestellt, der aber offensichtlich nicht weiter gedacht hatte, als er in seiner Lunge nichts Auffälliges hörte. In den letzten Tagen seines Lebens nahm die Krankheit dann rasant ihren Lauf. Mango schwand unter ihr buchstäblich dahin. Ich verstehe, warum man sie früher Schwindsucht nannte.

Jetzt liegt sein Körper in der Pathologie des Krankenhauses Neukölln und wartet auf die Überführung in seine geliebte Heimat. Die hatte er vor vielen Jahren verlassen, weil er in seinem kleinen Dorf in Gambia keine Zukunft sah für seine Tochter und auch nicht für sich selbst. Seiner Tochter eine Ausbildung zu ermöglichen war Mangos größtes Ziel. Bis zu seinem Tod hat er jeden Monat die nötigen Geldmittel dafür auftreiben können. Noch im Sommer schmiedete er Pläne, sie zum Studieren nach Deutschland zu holen.

Seine größte Hoffnung war, eines Tages seine Papiere zu erhalten und in Deutschland regulär arbeiten zu können. Dabei wäre er ohne Zweifel sehr erfolgreich geworden. Mango trat im Training häufig etwas unsicher auf, bisweilen sogar ein bisschen ungelenk. Das lag aber nur daran, dass er sprachlich oft nicht ganz verstand, was wir von ihm wollten. Wenn man mit ihm in Ruhe redete, wurde sehr schnell klar, was für eine Persönlichkeit da vor einem sass. Dann wurde man von seiner warmen Kraft berührt und eingenommen von seiner Klarheit und bodenständigen Klugheit. Er könnte auch über sich selber lachen und hatte echte Wärme für seine Mitmenschen.

Mango hatte auch einen ziemlich durchsetzungsstarken Willen. Er wäre mit weniger Hürden im Leben ein großartiger, erfolgreicher Geschäftsmann geworden. Er war auch ein begnadeter Schreiner. Wenn er eine Säge in die Hand bekam, wuchs er scheinbar um 10 Zentimeter und arbeitete mit größter Konzentration und Geschwindigkeit.

Die Hürden in seinem Leben waren enorm. Mango konnte nie eine Schule besuchen und nicht lesen und nicht schreiben. Als Geduldeter wurde er in Deutschland systematisch vom Staat aus der Gesellschaft ausgegrenzt. Man wollte ihn eben los werden.

Das war ziemlich doof, denn nicht nur war Mango ungemein begabt, sondern gerade wenn es um Geschäft und Handwerk ging, akkurat wie ein Preusse. Eine nicht perfekt parallele Parkettlinie liess er einfach nicht stehen, eine ausstehende Schuld genauso wenig.

Mangos Offenheit für Neues kann man sich gar nicht groß genug vorstellen. Als Hiesiger kann man sich kaum ausmalen, welche Hürden das Bewusstsein von ganz unten auch in der Gambianischen Gesellschaft zu kommen, die mangelnden Sprachkenntnisse, die kulturelle Unkenntnis und die organisierte Ablehnung durch Deutschland für ihn aufbauten. Ich habe fast zwei Monate gebraucht, um ihn davon zu überzeugen, dass es wirklich ok war, zum Karate Training mitzukommen. Er war der einzige aus seiner Gruppe, der den Schritt wagte. Es war ihm sichtlich peinlich.

Mango war immer sehr zurückhaltend darin, um etwas zu bitten. Teils war das Furcht vor Enttäuschung. Er war ungeheuer aufgeregt, wenn es schien, wir könnten ihm einen Bauarbeitsjob verschaffen und schmerzlich betrübt, wenn es wieder nicht geklappt hatte.
Teils war es sein innewohnender Stolz. Er wusste immer zu signalisieren, dass er alles unter Kontrolle hatte und keine Hilfe brauchte, selbst wenn das offensichtlicher Quatsch war. Sein Mitbewohner berichtet, dass er noch fünf Tage vor seinem Tod jede Einlieferung ins Krankenhaus ablehnte. Er wollte selber damit fertig werden.

Diese Sturheit zu überwinden war eine große Hürde. Nicht nur in diesem letzen Akt, sondern auch schon bei vielen kleineren Anlässen in den Jahren, wo wir ihn kannten. Vielleicht hat sie ihn am Ende das Leben gekostet.

Mir erscheint sein Ableben wie eine klassische Tragödie, in der tausend kleine Faktoren zusammenkommen, von denen jeder vielleicht unbedeutend sein mag, die aber am Schluß den Helden zu Fall bringen. Weil sie die guten Sinne der Menschen betäuben. Weil sie verhindern, dass man richtig mit einander kommuniziert. Weil sie uns davon abhalten, das Einfache und Richtige zu tun.

Mein Freund, ich werde Dich vermissen. Ich werde nie wieder nachts durch den Görli laufen und nach Dir Ausschau halten, mal freudig, mit Dir zu reden, mal schweigsam und insgeheim hoffend, dass Du mich nicht siehst. Wir werden nicht mehr auf der Parkbank sitzen und über Autopreise in Gambia philosophieren. Wir werden nicht mehr die Freude teilen, wenn Du im Karate wirklich etwas verstanden hast. Du wirst nicht mehr still mit gedrehtem Kopf lachen und Deine Wärme verbreiten, wie nur Du es konntest. Der Marabu aus Deinem Dorf wird nicht für unsere Gruppe beten.

Ich bitte Dich um Verzeihung. Für mein Land, dass Deinen Reichtum nicht haben wollte und Dich am Ende sterben liess. Für meine eigene Dummheit, auf Dich gehört zu haben, wenn Du mal wieder sagtest, alles werde gerade besser, so wie als wir vor ein paar Wochen das letzte Mal sprachen. Und ich bitte Dich um Verzeihung für die beiden roten Pfeile, die ganz oben in der Anrufliste stehen, wenn man Deinen Namen aufschlägt in meinem Telefon.

Ich weiss auch, dass ich nicht wissen konnte, wie schlimm es um Dich stand. Ich weiss auch, dass unter den beiden roten nach innen gerichteten Pfeilen 15 grüne, nach außen gerichtete stehen, jeder für einen erfolglosen Versuch, Dich zu erreichen in den Wochen zuvor. Und doch markieren die beiden Pfeile meine Schande: Als Du mich brauchtest, war ich nicht für Dich da. Als Du soweit warst, nach mir zu rufen, habe ich nicht geantwortet. Als Du dem Tode nahe warst, dachte ich, es wird schon nicht so dringlich sein und ich rufe schon bald zurück.

Verzeih mir mein Freund.

Du warst mir ein echter.

Malte

Miniseminar Karate

Hallo,

Wir freuen uns auf Euch!

Diesen Herbst machen wir ein konzentriertes Karateseminar. Wir halten es kurz und knapp und bleiben in Berlin. Wir üben Techniken im Äußeren und erfahren uns selbst im Inneren. Thema ist Loslassen als Kunst der Selbsterfahrung. Geeignet für Anfänger und Fortgeschrittene. Details im Flyer anbei. Wir freuen uns auf Euch! 

Fragen etc bitte stellen unter 0174 3790176 oder malte@innere-stille.net!!!

Hoch zum Himmel…

Hi,

unsere Mittwochsstunden wandern höher ans Licht. Ab dieser Woche üben wir regulär im 4. OG des Zentrum für Yoga und Stimme, nicht mehr im 3. OG. Die Zeiten blieben dieselben, also 18:30 Uhr für die stillen Stunden und 20:5 Uhr für’s Karate.

Der vierte Stock ist viel fliessender und heller, dafür etwas weniger erdig als der dritte. Wir freuen uns!

Gruß aus den Bergen…

Hallo Ihr,

 

diese Woche habe ich mich noch einmal in die Berge zurückgezogen. Siehe Bild anbei … Jan macht die Karatestunde am Mittwoch zur gewohnten Zeit im dritten Stock des ZYS.

Bitte sagt ihm Bescheid, ob Ihr kommen könnt und wollt und zwar am besten per SMS auf +49 177 4721099.

Er übt weiter anfängergerecht sich gehen zu lassen in seine Bewegung, am besten in einen Roundhousetritt.

Ab nächste Woche ist wieder alles normal.

 

 

Schönen Gruß in die Ebene!

Sommerpause

Ihr Lieben,

 

wieder mal ein Halbjahr rum…wir verabschieden uns in die Sommerpause. Ab 8. August gibt es ein eingeschränktes Training am Mittwoch, ab 26. August läuft das Training wieder normal.

 

Dazwischen denken wir an nichts, geniessen und erholen uns gut.

 

Lieben Gruß!

 

Malte

Das Sommerseminar

Ihr Lieben,

letztes Wochenende waren wir für das Sommer Stille Seminar in Strodehne an der Havel. Das war erstens wunderschön. Marions Werners Seminarhaus steht fast direkt am Fluss und ist sehr einladend und warm – genau wie sie selbst.

Es war auch sehr schön produktiv.  Wir haben unser Üben in den letzten Jahren ein bisschen vom Kopf auf die Füsse gestellt, vom körperlich induzierten rauschhaften Erleben des eigenen Selbst hin zur inneren Freiheit von Gefühlszwängen und Gewohnheiten. Diese Freiheit herzustellen und zur Schaffung innerer Harmonie zu nutzen sind wir dieses Jahr eintüchtiges Stück vorangekommen.

Abendwiese

Im Seminar haben wir zunächst geübt, so ab zu lassen von inneren Beschäftigungen, Lasten, Ängsten etc, dass wir in unserem Innern sein konnten. Dabei beruhigt man sich zumeist und die Betonung wandert von selbst von in uns sein zu in uns „sein“.

Die Aufgabe dabei ist, eben nicht alle andere Beschäftigung fort zu schicken, herabzusetzen oder zu bekämpfen, sondern von ihr abzulassen und den Raum ohne Tun immer genauer wahrzunehmen und immer tiefer in seine Mitte zu treten. Auf dieser Wahrnehmung zu verharren und sich mit dem scheinbar unbedeutenden, kleinen Sein, das keine Leistung erbringt,  zufrieden zu geben, ist eine große Kunst.

Die von zwanghaftem Tun ganz verschiedene Mitte ist auch körperlich ganz entspannt. Man kann einfach gar nicht mit machen mit den inneren Zwängen, so weich ist man. Man erfährt aber auch erst, wie tief die eigene Wärme sich gründet und kann sie tief in sich zurückverfolgen. Man nimmt sich in die Tiefe wahr.

Etwas paradoxerweise ist ein Sein, das sich mit sich selbst bescheiden und ablassen kann von äußerlich veranlasster Beschäftigung, dann frei, sich mit reiner Wärme einer Person, einem Thema oder einem Gedanken zuzuwenden und dieses freundlich zu empfangen und zu stützen, wo es diesem oder dieser wohl tut.

Dieses Fähigkeit, sich ohne weiteren Gedanken oder Zweckhaftigkeit an dem zu orientieren, was den anderen ebenso pur, also nicht vermittelt durch größere Zielsetzungen, stützt, begründet gerade eine harmonische, nicht am Gegensatz geprägte Beziehung, die auch dem anderen eine Erneuerung in der Substanz und wechselseitige Teilhabe an der jeweiligen Substanz erlaubt.

Je purer die eigene Präsenz, desto freier ist man, sich dem anderen zu zu wenden und ein neues, Gemeinsames zu schaffen.

Strasse ins Licht

Wir haben das im Seminar mehrfach ausprobiert in Beziehung mit einem anderen Teilnehmer, bei dem wir nur dessen Bedürfnisse beobachtet haben und gar nicht so sehr seinen Inhalten gefolgt sind.

Das gleiche Prinzip gilt aber auch im Umgang mit sich selbst. Der freie Teil des Seins kann sich eben den ablenkenden, mal freudvollen, mal schmerzlichen, verunklarenden, betäubenden, etc. Teilen frei zuwenden und sie ernstlich willkommen heißen.

Damit aber kann er die innere Spaltung aufheben, zwischen Beschäftigung und Sein und die beiden zu einem inhaltlich ganz neuen, harmonischen Sein verschmelzen.

Dieses ist dann weder das ganz stille vom Anfang der Übung noch ist sein Inhalt gleich dem vom Sein abgeschotteten Tun. Es fügt sich zu einem ganz anderen Wesen zusammen, dessen Gefühlshaushalt vor allem durch die Abwesenheit innerer Spaltung geprägt ist. Man mag sich dann und was man tut.

Das fand ich ziemlich großartig. Wir haben das im wesentlichen ausprobiert daran, etwas sehr Schönes, also die Empfindung fließender Qi Gong Bewegung in uns einzuladen. Es klappt aber eben auch bei anderen, primär weniger angenehmen Dingen, die man in sich trägt. Das ist dann echte Heilung.

Strahlen

Das willkommen heißen ist dabei natürlich nur ein Schritt neben vielen anderen, die man mit inneren Lasten machen kann. Wir haben in Verbindung mit jemand anderes mit Bilateraler Stuimulation und Briefe schreiben ja zwei davon ausprobiert. Aber echtes Willkommen heissen ist eben ein ganz wichtiger, der erst die Basis für alles andere darstellt.

Ich glaube, wir haben ein gute Basis gelegt für weitere Entwicklungen. Im Herbst machen wir im Karate Seminar in Stolzenhagen weiter.  Jetzt ist erstmal Sommer  – ich hoffe alle können ihn geniessen und sich gut erholen!

Malte

 

 

Kunst und die Basis der Unmittelbarkeit

Ihr Lieben,

 

(Schaffen und Sein)

Unmittelbarkeit ist ein großes Ziel unseres Übens. Wenn man von einer Erzählung, Bezugnahme oder vorgefasstem Rahmen ablassen kann, gewinnt unser Hirn paradoxerweise erst Raum für Präsenz, Unverfälschtheit und flexible Sichten.

Solche Unverfälschtheit auch in seiner Außenwelt abzubilden, ist ein natürlicher Drang des Menschen. Wie in allem ist Innenwendung schwierig und man ist leicht versucht zu glauben, dass man es im Äußeren einfacher findet als in sich selbst.

Eine äußere Abbildung ungefilterter Substanz zu schaffen ist aber ziemlich schwierig, denn Referenzen und geistige Abbildungen sind unerlässliche Krücken, wenn wir uns in  der Welt fortbewegen. Jede Handlung, ganz gleich ob Faustschlag oder Pinselstrich benötigt Rückgriff auf Gelerntes, auf Kontrolle und abrufbare neurologische Muster. Wenn wir etwas erschaffen, finden wir uns unausweichlich in einem Spannungsfeld von Ungeformtem und in uns Geformtem. Wir wollen etwas nicht da Gewesenem Form geben mit Inspiration aber eben auch mit Werkzeugen, die in uns geformt und abgespeichert sind. Das gilt für einen Gedanken, ein Wort, ein Bild genauso wie für eine Skulptur oder eine Karatebewegung.

Meist orientiert sich Erschaffenes dann auch an Bekanntem, sei es in Kopie, Weiterentwicklung oder, besonders beliebt und befreiend empfunden,  Gegenreaktion. Ganz so wie wir es bei genauer Beobachtung auch in unseren Gedanken und Gefühlen wieder finden, die sich ja auch meist gegen etwas richten und nur gelegentlich auf etwas. Sie bauen auch fast immer auf unbewussten Prämissen auf. Eine bezugslose Essenz zu erschaffen ist im Inneren schon schwierig. Im Äußeren wird es noch seltener.

(Florenz und der Aufbruch der Renaissance)

Europa ist in seiner ganzen Ausdrucksweise nach dem Mittelalter von der Renaissance geprägt.  Renaissance, Barock, Rokoko oder Klassizismus leiten sich alle ab aus ein paar Jahrzehnten kreativen Feuers in Italien im 15. Jahrhundert. Die Wahrscheinlichkeit, dort einen bezugslosen, essentiellen Ausdruck zu finden, der sich eben an nichts orientiert und dadurch essentieller berührt als andere, die auf etwas Bezug nehmen, sollte also recht groß sein.

Und …voila…Anfang des Monats da gewesen und gleich dreimal fündig geworden.  Bei Da Vinci in den Uffizien, bei Donatello in San Lorenzo und im Dom Museum. Da gab es auf ihre Essenz reduzierte Bewegung und alle Form abschüttelnde seelische Erhöhung und manchmal beides zugleich. Eine Kreation, die keinen Bezug nimmt und sich nicht abgrenzt, aber gerade deswegen die Essenz dessen, was sie vermitteln will, besonders unverfälscht vermittelt und ins Hirn einsinken lässt. Und auf die sich alle nachfolgenden in irgendeiner Form beziehen.

(Irrwege der Betrachtung und ungesteuerte Empfindung)

Bei allen dreien, einem Gemälde der Anbetung der Heiligen Drei Könige von Da Vinci, den Kanzeln von Donatello in San Lorenzo und seiner Statue der Maria Magdalena gab es ein merkwürdiges Phänomen – das Hirn musste sich erstmal einsehen. Es wird erst einmal auf eine irreführende Bahn geführt, hin zur äußeren Form, die bei allen drei Werken erstmal gar nicht so attraktiv wirkt.

Dann aber scheint es, als ob sie alle drei ihre äußere Form abschütteln wie Einwickelpapier. Das Hirn kann sich gar nicht dagegen wehren, wegzudenken driften von seinem Versuch, das Gesehene in bekannte Muster einzuordnen. Stattdessen zieht sich die Gewahrsamkeit nach innen zurück und man erlebt die Botschaft des Werks nicht als ein Erkennen, Einordnen und Verstehen sondern als eine unkontrolliert einsickernde Empfindung, die durch das Stammhirn geistert und nicht zu stoppen ist. Man spürt, zum Beispiel Bewegung, und sieht sie nicht und hat auch keine Kontrolle darüber, wohin sie sich bewegt. Weder inhaltlich – Figuren scheinen sich zu bewegen obwohl sie es ja gar nicht tun – noch im eigenen Körpersystem, man kann gar nicht kontrollieren, wo die Bewegungsempfindung auftaucht.

 

Die instinktive Empfindung, die sich in einem bildet, muss zudem gar nicht unbedingt etwas mit dem Dargestellten, visuell Erfassbaren zu tun haben. In verschiedenen Weisen hinterliessen alle drei Werke eine Erhöhung im Innern. Als ob sie beim Abschütteln der äußeren Form auch die  äußere Form des Betrachters zerspringen lassen. Man spürt förmlich, wie man in die Höhe wächst. Erhöht wird. Größer wird. Und heller.

Bewegung als Eindruck – die Anbetung der Heiligen Drei Könige von Leonardo Da Vinci)

Die Essenz von Bewegung hat Leonardo Da Vinci in seiner Anbetung der heiligen Drei Könige erhascht. Da tummeln sich ziemlich viele eigentlich erstmal recht unfreundliche Gestalten. Tiefe Augenhöhlen, grimmige Mienen, die erstmal nicht so recht zum freudigen Ereignis zu passen scheinen. Sie bilden um das Jesuskind einen unregelmässigen Ring, sind nur zum Teil fertig gemalt und stoßen eher ab, als dass sie anziehen.

 

Wenn man sich aber ein bisschen Zeit nimmt und beispielsweise der Riege von jungen Männern hinter der Hauptszene Gelegenheit gibt zu wirken, vielleicht einen Moment in eines der Gesichter schaut, es ist eigentlich egal welches, das Pferd eingeschlossen, oder ihre Linie insgesamt wirken lässt, der empfindet bald ein gewisses Ziehen im Innern. Die Figur tritt auf einmal ganz plastisch hervor und man kann auf einmal gar nicht mehr sagen, ob er gerade nach links oder nach rechts geschaut hat. So unkontrolliert erwachen sie zum Leben, dass sie gleich aufstehen und loslaufen könnten, oder vielleicht auch schunkeln. Vor allem aber ist man nie sicher, was sie gerade tun. Bewegung blitzt in Fragmenten durch das Hirn, ungesteuert, intuitiv, ohne Objekt selbst generiert, fast priapisch fliehend.

 

 

Bewegung so zu erfassen,  dass sie sich vorbeischleicht an unserem Erkenntnisapparat und durchgreifen auf unsere im Stammhirn abgesicherten Intuitiven Bewegungsreflexe und Instinkte, dass sie in uns ein eigenes Leben annimmt, dass sie in uns das Reine an Abzweigung hervorruft – das ist essentielle Kreation. Das ist Bewegung pur, in reinster Form, die Da Vinci auf die Leinwand hat bannen können – so sehr, dass sie sich unserer Einordnung entzieht und ungeordnet in uns  Bewegung auslöst. Die können wir nicht mehr festnageln an einem Objekt oder Referenzrahmen oder einer Erzählung. Sie entgleitet uns und turnt einfach in uns herum.

Das ist reine Berührung. Ich würde sie gerne mal unter einem MRT angucken….

Alles was an Barocken Wolkenstürmen, Rubensschen Figuren Gesten,  Schlachtengemälden etc,  danach folgt, nimmt solch reine Bewegung auf und setzt sie unterbewusst voraus. Klebt sie aber an ein Erzählungsobjekt und hält uns im urteilenden, einordnenden  Bereich fest. Dagegen ist nichts einzuwenden. Aber Da Vinci’s Bewegung rauscht direkt an dem vorbei und vermittelt uns das reine Konzept von Bewegung. Das ist echte Ursprünglichkeit.

(Bewegung und Erhöhung – Donatello)

Donatello hat das 40 Jahre früher in seinen Kanzeln in San Lorenzo auch geschafft, zumindest in seiner Darstellung der Vorhölle. Da geistern die Verdammten in genau solch einer nicht fassbaren Bewegung auch schon herum. Davon gibt es leider keine guten Bilder im Netz.

Außerdem gibt es an dieser Kanzel eine Figur, die noch etwas anderes auslöst. Jesus steht vor Pilates und die Frau des Landpflegers stellt ihn vor. Sie bildet mit ausgestreckten Armen geradezu eine Brücke zwischen Pilates und Jesus. Wie alle anderen Gesichter ist ihres nur angedeutet und hohläugig. Wenn man sie aber ein bisschen länger betrachtet, erfasst einen eine ganz ähnliche, nicht kontrollierbare Empfindung – eine innere Erhöhung.

(Noch viel höhere Erhöhung – Maria Magdalena)

Dieses Erhöhungsgefühl verschafft in noch viel größerer Intensität eine andere Skulptur Donatellos – das Holzbildnis der alten Maria Magdalena. Donatello hat hier das Material gewechselt und löst entsprechende Assoziationen aus. Man sucht es erst als alpenländische Schnitzerei einzuordnen und ruft Erkennungsmuster aus einem Landshuter Souvenirshop ab. Oder aus einem Gruselkabinett. Hübsch ist sie erstmal nicht. ( Das Dommuseum stellt in anscheinend erzieherischer Absicht noch zwei Bildnisse von Maria Magdalena in jungen Jahren in den selben Raum.) 

 

Aber diese süßlichen und gruseligen Empfindungen weichen ziemlich bald einer ganz anderen. Wie lästige Ketten schüttelt die Figur die vorgefertigten Einordnungen ab und macht sich an ihr eigentliches Werk, das mit dem Bildthema der Figur gar nicht zu tun hat. Es ist nämlich formlos – man spürt sich nur auf einmal im Innern wachsen. Genau wie die Figur scheint man die äußeren Grenzen des Körpers abzuschütteln und zu durchbrechen. Man kann sich nur mit einigem Erstaunen dabei zu sehen, wie man erhöht wird. Auch erhellt. Und etwas verbreitert.

 

Es ist sehr instruktiv sich die Gesichter anderer Besucher dabei anzuschauen. Die verfallen alle in eine unkontrollierte Entspannung. Die kontrollierenden Elemente des Bewusstseins werden geschwächt, die Gesichtszüge weicher. Es ist kein kindisches Lächeln und sie sehen auch nicht also sie gerade Gras geraucht haben oder LSD genommen. Aber die Erhöhung lässt alle geformten Befassungen offensichtlich klein werden, löst die innere, analytische Struktur auf und lässt eine heitere, erhöhte  Klarheit an ihre Stelle treten.

Also ganz ähnlich einem Stille Seminar.

Ganz ähnlich zu einem Stille Seminar ist die Erhöhung auszuhalten emotional ziemlich anstrengend. Sie wirkt nach und auch wenn das Bewusstsein gerne wieder zu seinem vertrauten, fassbaren Terrain zurück kehren würde, kann es das nicht so einfach.

 

Donatello hat es also wiederum geschafft, beim Betrachter das gewohnte Einordnungssytem auszuhebeln und im Stammhirn ein unsteuerbares Gefühl von Grösse und Erhebung auszulösen. Es ist viel stabiler und ruhiger als die Bewegungsvielfalt Da Vincis, weniger sexuell geladen und dynamisch, dafür viel umfassender, beruhigender und tiefer. Es verschmilzt den Betrachter zu einer Einheit, die aber leicht und belebt ist und bildet dazu den genauen Gegenpol zu Da Vincis Chaos.

Im Ergebnis kann also wer will sich ganz viel innere Arbeit sparen und sie bei den richtigen Künstlern abholen. Man muss nur die richtigen finden und die müssen die Gelegenheit gehabt haben in Zeiten von offenem Umbruch zu arbeiten und trotzdem die notwendigen Ressourcen und das nötige Umfeld für Austausch und Lernen zu haben.

(Soziales Umfeld und Stütze)

Der gesellschaftliche Grundkonsens bestimmt ganz wesentlich was wir denken und fühlen können. Donatello, Brunelleschi und Botticelli hatten es in gewisser Weise einfach. In kulturell stabilen Zeiten, in denen die Normen infrage zu stellen auf Widerstand stösst, kann man nicht so frei und befördert arbeiten, wie sie es haben tun können. Wenn das Umfeld es nicht will, wird auch das grösste Genie nicht zum Neuerer sondern zum kämpfenden Spinner. Soziales Urteil kann ungeheuer fördern aber Bauchbremsen.  Ihre Zeit und ihr Ort stellten den Genies geradezu perfekte Bedingungen zur Verfügung, deren Spuren auch heute noch zu besichtigen sind.

 

(Wirtschaftliche und soziale Revolution)

Der  Nährboden, auf dem diese Geniestreiche entstanden sind, hatte erstmal eine ökonomisch/ soziale Komponente. Es gab eine ungeheure Zusammenballung von Kapital in der Stadt im 15 Jahrhundert. Da steht ein Renaissance Bankierspalast neben dem anderen, die ganze Innenstadt ein riesiges Bankenviertel. Die Florentiner hatten richtig Kohle, um sich Kunst leisten zu können.So reich geworden sind  die Bankiers dort aber eben genau, weil sie eine andere Form des Wirtschaftens erfunden, ganz wie die Künstler eine neue Form des Seins erfinden sollten. Mit der Einführung von Banken konnte, wer etwas übrig hatte, es jemand anderem geben, ohne ihn zu kennen. Das gab es vorher nicht. So konnten Projekte gestartet werden, die vorher nie im Leben in die Welt gekommen wären, weil sie an kein Kapital gekommen wären. So ist es kein Wunder dass die italienischen Städte im 12. und 13. Jahrhundert die deutschen Feudalheere abschütteln wollten ( und es auch geschafft haben letztlich. ) Sie waren einfach viel fortschrittlicher und effizienter als die ländliche Wirtschaftsweise Deutschlands. Das war  ein Menschheitssprung genauso groß wie der in der Kunst. Und eben auch einer, der den Geist öffnete für Neues. Die wirtschaftliche Revolution öffnete den Geist für Ungewohntes (Umgekehrt natürlich dann auch). Das machte sich bemerkbar in der republikanischen Verfassung ( wenn auch mit oligarchischem Einschlag für lange), die eben ein ganz anderes denken voraussetzte aber eben auch förderte.  Und so zu einer generellen Offenheit zu anderen Ideen führte.

(Kultureller Tidehub)

Und kulturell war da schließlich dieser Tidehub, der alles zugleich nach oben trug. Wenn man in die Kirchen geht, sieht man dort Unmengen an Fresken und Skulpturen, von denen viele nicht genial sind, aber ein Teil der  Konversation, wo jeder immer wieder einen kleinen  Schritt nach vorne macht und den Diskursraum bereichert, aus dem die Genies dann ihre Einfälle beziehen. Das war ein hoch konzentrierter Diskursraum, der Anregungen und Entwicklungen ermöglichte und an dem auch diejenigen, die sich nicht ganz lösen konnten aus der kirchlichen oder ander hergebrachten Verfassung wichtige Schritte machten. Als Beispiel eine Kapelle aus Santa Maria Novella.

 

Ganz praktisch sind die Spitzenkünstler abends nach der Arbeit ja alle zu Lorenzo de Medici nach hause zum Saufen gegangen und haben geklönt. Der Palazzo Medici Riccardo ist insofern gesehen ein geschichtlicher sehr bedeutsamer Ort und ein echter Schmelztiegel, den er geschaffen hat.

 

Zusammenfassende Lehren:

 

  1. Wer mir nicht glaubt, dass es Innere Stille gibt, fahre nach Florenz und stehe dort lange genug an den Museen an. Dort kriegt er es unwiderlegbar vorgeführt.
  2. Ursprüngliche Genese braucht einen Hintergrund. Dazu gehören harte Grundlagefaktoren ( Kapital) genauso wie weiche.
  3. Auch die vielen kleinen Schritten im Üben und Lernen, die eher ermüden als große Fortschritte zu bringen scheinen, sind sehr fruchtbar und notwendiger Teil des Erkenntnisprozesses. Man muss sie geduldig ertragen und lieben lernen. Da gilt für eine gesellschaftlichen Organismus genauso wie für uns als Einzelne.
  4. Man soll die Parallele zwischen Gesellschaft und Einzelnem nicht zu sehr übertreiben. Wir habe einen viel größeren Einfluss auf das, was wir tun und empfinden als eine Gesellschaft, die ja ganz automatisch mit  viel mehr Macht und Willenszentren ausgestattet ist. Die günstigen Bedingungen, um eine erzählungslose Kreation im Innern zu erschaffen, können wir viel leichter erschaffen, als  in einem ungeordneten gesellschaftlichen Prozeß. Innenwendung kann man mit einem geistigen Impuls auch selbst bewirken. Dann taucht sie auch nicht nur alle 500 Jahre einmal auf.