Archiv der Kategorie: Theorie und Hintergrund

Texte zur inneren Stille

Innere Freiheit…

Liebe Verschwörungstheoretiker, autoritätshörige Faschisten von links und rechts und esoterische Demagogen,
 
vielen von Euch gefällt die Seite der Inneren Stille auf Facebook und auch hier habe ich einigen Zuspruch erfahren. Das hat mich zunächst etwas überrascht, aber es ist gut so, und Ihr seid hier willkommen. Wenn Ihr Euch einlasst, auf was wir hier tun, werdet Ihr allerdings sehr schnell bemerken, dass man hier nicht in bequeme Fantasiewelten fliehen kann.
 
Ganz im Gegenteil. In unserer Übung rutscht ihr genau in Eure Angst, innere Unwahrheit und Schmerz hinein. Ihr könnt Euch nicht mehr von ihnen ablenken.
 
Hier setzt Ihr Euch mit Eurer Wahrheit auseinander. Ihr könnt Eure Widersprüche auf nichts und niemand mehr abwälzen.
 
Hier schwimmen Eure Vorurteile weg. Ihr könnt Euch nicht mehr hinter ihrer warmen Fassade gemütlich einrichten.
 
Hier vergeht auch die Lüge. Sich selbst anzulügen ist häufig sehr wohlig. Sich selbst anzuschauen häufig nicht. Heimelige Lügenwelten vergiften aber andere und Euch selbst. Unsere Praxis windet uns bequeme Selbstlügen aus der Hand.
 
Wenn man den Mut dazu hat, sich auf sich selbst einzulassen, gewinnt man viel. Echte Liebe, Freiheit, Fülle und Sicherheit. Aber es werden eben keine Angstfantasien wahr. Über die wächst man hinaus.
 
Wenn Ihr Euch darauf einlassen wollt, seid Ihr sehr willkommen. Rassenhetze, Anti Establishment Wahn und perfiden Hass wird aber niemand hier bestätigt finden.
 
Und um das ganz klar zu machen – die gelassene, heitere Gesellschaft, die in Deutschland in den letzten Jahrzehnten gewachsen ist, die eben keine ideologischen Haltegriffe braucht und kein Feindbild, sondern mit der Unsicherheit des eigenen selbst auskommt, ist ein echter Grund, stolz zu sein auf unser Land. Sie ist geschichtlich gesehen eine emotionale Ausnahmeleistung.
 
Das Ungefähre auszuhalten fällt nicht immer leicht. Grobe, negative und einfache Ansichten sind leichter zu verarbeiten als tiefe. Die Freiheit und Eigenverantwortung, die wir uns errungen haben, sind aber ein großes Geschenk, das auszubauen und zu vertiefen sich für jeden lohnt. Auch darauf arbeiten wir in Innerer Stille hin.
 
In diesem Sinne allen willkommen zurück vom Sommer und ein wunderschönes Herbstsemester. Wir haben viel zu lernen und viel zu üben.
 
Malte

Tun, Nichtstun und Leere im Karate

Tun, Sein und Nichtstun – vom geistigen Loslassen im Karate

Menschliche Präsenz unterliegt einem scheinbaren Paradox, denn sie steht ihrem eigenen Potential im Weg. Jede konkrete Ausformung menschlicher Existenz, ganz gleich ob geistig oder körperlich, ob Tun oder Sein, verdichtet unseren Lebensraum. Verdichtung verengt aber notwendig und presst uns zusammen. Darum erstarrt jedes substantielle Dasein und trägt Ausdörrung und Unfruchtbarkeit in sich. Den Zwiespalt, dass jedes fassbare Sein oder Tun in sich Verdunkelung und Leblosigkeit trägt und somit unausweichlich auf uns lasten muss, kann man nicht aufheben. Er ist eine Grundkonstante menschlichen Lebens.

Was man durch Training aber ändern kann, ist das Ausmass von Verzerrung und Verlust, das eine Konkretisierung des eigenen Potentials mit sich bringt. Je reiner die Konkretisierung, desto weniger nimmt sie von unserer Existenz in Anspruch. Je weniger Verwirrung und Ausschuß in ihr, desto weniger wirft sie Schatten und desto weniger bindet sie Leben und Fruchtbarkeit.

Zulassen, innere Wahrheit und Wandlung

Unser Potential sich ohne unnötigen Verlust formen zu lassen, verlangt uns grosse, geistige Anstrengung ab. Um ein konkret gewordenes Sein lebendig zu lassen, müssen wir im Tun so wenig wie möglich Potential auslöschen und es so weit wie möglich spontan wirken lassen.

Jenseits unseres kontrollierten Zugriffs wirken lassen, widerstrebt aber auf den ersten Blick dem Begriff des Tuns. Es läuft auch genau zuwider tief in uns verwurzelten Instinkten, eben möglichst Herr von allem zu sein und es kontrollieren zu wollen. Wenn wir diesem Instinkt nachgeben, verwenden wir aber zum einen viel Energie auf die innere Kontrolle und zum anderen schliessen wir intuitive Wirkungen höherer Ordnung, die unser Potential bereithält, deren Eintreten wir aber eben nicht vorhersagen oder mit bewusster Anstrengung identifizieren können, aus.

Die innere Ordnung zum Beispiel, in der der Körper in einer Karatetechnik maximal unsere Energie durchgehen und wirken lässt, nimmt er eben am besten selber an. Wenn wir sie lassen können, lassen sich alle Fasern und Körperteile genau auf dem Platz nieder, auf den sie gehören, um sich und der Bewegung nicht im Wege zu stehen und diese, aber auch nur diese zu befördern.

Leer werden und innere Wurzeln

Das heisst aber nicht dass wir gar nichts tun. Dies schliesst sich zum einen schon per Definition aus. Wo nichts ist, ist jedenfalls solange man noch kein Buddha ist, auch nichts. Körper und Willenskraft  müssen immer einen Rahmen für die Bewegung vorgeben.

Je kleiner und ruhiger dieser aber ist, umso besser. Je weniger an uns zerrt und drückt, in geistiger wie in körperlicher Hinsicht, desto leichter fällt es der inneren Belebtheit zu wirken. Wenn wir ihr einen Raum bieten, der frei ist von Verzerrung und Streben, nimmt sie ihren richtigen Platz ein und führt uns weit über das hinaus, was wir mit bewusster Gewalt erreichen oder uns gar vorstellen könnten.

Der eigentliche Übungsinhalt des Karate ist also, einen inneren Raum zu schaffen, in dem die unkontrollierte, körperliche und geistige Intuition sich ausrichten kann auf unser anvisiertes Tun, welches sie dann von selbst ausgestaltet. Diese Art der Beruhigung tritt aber nur ein, wenn wir Unruhe und Verzerrung als Ausdruck erstarrten Seins ansehen und bereit sind,  sie vergehen lassen. Man lässt einen Teil seines bekannten, starr gewordenen Seins los, ohne dafür etwas zu bekommen. Im Loslassen akzeptiert man innere Leere. Nur die Verbindung zu den Wurzeln bleibt bestehen. Durch sie kann das Lebenspotential ungehindert strömen und uns in der richtigen Weise beleben.

Die geistige Voraussetzung des Karate ist also etwas paradox. Man visiert etwas an, wie z.B. eine Technik ausführen, aber nur mit einem kleinen Teil des Seins. Man verabschiedet sich zugleich von großen Teilen des eigenen Seins, um an dessen Stelle von selbst sich ordnende innere Hilfe treten zu lassen. Das Nebeneinander von ordnendem Rahmen und innerer Entleerung ist zunächst verwirrend. Je weniger äusseren Rahmen wir brauchen, also je weniger Aktivitätsentfaltung, desto weiter kann das Potential Wirkung entfalten. Im Idealfall kann man Potential ohne äussere Handlung wirken lassen.

Körperlichkeit und Leere

In der Körperlichkeit des Karate macht sich innere Unruhe und Spannung, die uns zerstreut und das innere Potential in die Irre leitet, leicht sichtbar. Sie drückt uns, drängt uns aus dem Zentrum und verformt uns. Mit ein wenig Aufmerksamkeit lassen Fehlstellungen und Blockaden sich leicht identifizieren und äusserlich korrigieren. Das allein macht aber noch kein Karate aus. Erst wenn wir die Verzerrung als unnötige Willensäusserung deuten und von ihr als solche Abschied nehmen und und bereit sind, innere Leere ihren Platz einnehmen zu lassen, geben wir dem Inneren Raum, an ihre Stellung eine sich selbst ordnende Form zu setzen, die an der Technik mitwirkt.

Leere annehmen und das Potential wirken lassen funktioniert nur, wenn es ohne Berechnung geschieht. Die Vollständigkeit des Gehen Lassens und damit die Wirksamkeit der inneren Entleerung, wird sofort eingeschränkt, wenn wir im Hinterkopf mit ihr rechnen und auf eine höhere Leistung hoffen.

Karate und innere Wahrheit

Unser ungestört wirkendes Potential ist der reinste Ausdruck unserer Selbst. Darum ist innere Wahrheit die stärkste Kraft in uns und Karate richtig verstanden ein Weg zu sich selbst.

Abende der Stille 2014

 

2014 vorne   Was ist Stille? Was ist Leben? Was überhaupt ist Sinn?

Übungen zur inneren Stille rühren an tiefe Fragen des menschlichen Daseins. Ohne ihre Wirkung auf Bewusstsein und Empfindung unserer selbst wären sie nur von geringem Interesse.

In den Abenden der Stille sprechen wir darüber, wie Stille auf unser Leben wirkt. Vieles im Denken über Stille scheint zunächst kontraintuitiv und schwer zu fassen. Fast alles kann man nur begreifen, wenn man es zumindest im Ansatz erlebt. Die Abende der Stille verbinden darum Einführungen in ein Thema mit Entspannung und kleinen, zielgerichteten Übungen.

Stille Abende geben Denkanstösse. Die verarbeitet man am besten in einem Tagesseminar mit stillen Übungen am folgenden Tag. In diesem Frühjahr finden Stille Abende und ein zugeordnetes Tagesseminar einmal im Monat, immer am zweiten Wochenende,  in der Praxis in der Remise in Kreuzberg statt.

Am 8. März sprechen wir über das grundlegendste, aber auch schwierigste Konzept in der inneren Stille – den inneren Raum. Die scheinbar natürliche Sichtweise auf Leben und unsere Persönlichkeit ist, sie als fassbare Substanz, die unser Inneres anfüllt,  anzusehen.  Schliesslich schauen wir in uns hinein und sehen etwas. Bei näherer Betrachtung entpuppt sich fassbare Fülle aber mehr als abgestorbenes Leben und als Hindernis für die Entwicklung und Erneuerung innerer Wahrheit.  Je weiter der innere Raum, den wir eröffnen, desto reicher, stabiler und kraftvoller unser Leben.

Am 12. April gibt es einen Männerabend. Bei Männlichkeit denkt man traditionell zunächst an Härte, an Schweres und greifbare Dominanz. Als Mann scheut man zumeist vor Weichheit zurück, weil sie einem leicht die Kraft rauben kann, wenn sie zu sehr weiblich betont wird. Betäubende Härte und weibliche Weichheit sind aber nicht die einzigen beiden möglichen Alternativen. In der Tat findet der Mann sein Wesen erst in Stille und Vergessenheit, die ihm eine tiefe, bergende Präsenz eröffnen und, etwas überraschend, erst ermöglichen seine Kraft in Freiheit zu bündeln und anzuwenden. Diese weite, stille Männlichkeit bleibt verschlossen, wenn man sie nicht durch Anhalten entdeckt. Sie ist Grundlage des Karatetrainings.

Am 10.Mai geht es um Sein und Tun, gerade in einer Gruppe. Kein Mensch kommt ganz ohne Aktivität und Tun aus. Aktivität verbirgt aber auch innere Wahrheit, Strahlkraft und Intuition. Auf Aktivität zu verzichten erscheint zunächst ein grosses Risiko. Es ist aber notwendig, um einen tieferen Geist hervorzurufen, der Projekte erst mit Sinn erfüllt. Dies gilt für den einzelnen genauso, wie wenn man eine Gruppe führen und inspirieren will. Führen kann man durch manipulierendes Beherrschen und dirigieren, oder durch das Wagnis stiller Inspiration, die, ohne das man es kontrollieren kann, die Mitglieder zu einem Geist vereint. Die dafür notwendige stille Tiefe, ist Thema des stillen Abends im Mai.

Termine und Koordinaten für die Frühjahrsveranstaltungen finden sich im Flyer oben. Eine Seminarbeschreibung für den Folgesonntag im März ist angehängt.

Stille Grüße bis ins Frühjahr,

Malte Loos

Stunden der Stille 09. März 2014

Ein Interview mit Malte Loos

Die Fragen stellte Tim Schlenzig von www.mymonk.de

 

Malte Loos unterrichtet Karate, Meditation und Qi Gong in Berlin und leitet Seminare zum Thema „innere Stille“. Warum er nach seinem VWL-Studium nicht einfach in der Wissenschaft oder einem Unternehmen als Wirtschaftler gearbeitet hat, und welche Rolle ein alter Karate- und Zenmeister und die innere Stille dabei spiel, verrät Malte im Interview.

Hallo Herr Loos, herzlichen Dank, dass für sich für das myMONK-Interview bereiterklärt haben. Wenn Sie in diesem Moment in sich hineinhören, was hören Sie da?

Auf verschiedenen Ebenen passiert da Verschiedenes. Im Laufe der Jahre hat sich zu meiner Freude eine stille Einheit im Innern gebildet, in der viele Barrieren gefallen sind und die sich über das gesamte Sein erstreckt. Innerhalb dieses weiten Raumes kann das Bewusstsein sich frei entfalten. Das betrifft sowohl Körperliches, also die Wahrnehmung der eigenen Organe und ihrer Aktivität, als auch Geistiges, wenn aus der Tiefe die Intuition hochsteigt und die Leere erfüllt. Man guckt da wirklich ein bisschen durch sich durch bin in den Erdboden. Die Tiefe der Verwurzelung ist schon sehr schön anzusehen, genau wie die Wärme, die sie im Innern verbreitet und die Leichtigkeit, die sich einstellt,wenn man sein Sein machen lassen kann. Insgesamt fühlt es sich sehr still und tief an.

Obwohl Sie sehr gut im Studium waren und sich lange Zeit als zukünftiger VWL-Professor gesehen haben, hatten Ihre Mitmenschen offensichtlich immer den Eindruck, Sie seien am falschen Ort. So fragten sie Sie zum Beispiel immer wieder „Was machst Du hier eigentlich?“. Wann waren Sie bereit, diese Frage nicht weiter zu verdrängen?

Das war ein langer Prozess. Das Bewusstsein spielt einem da ganz schön Streiche. Natürlich war mir immer klar, dass ich „anders“ war als meine Kollegen, mehr an poetischer Tiefe und Sinn interessiert und weniger harter Rechner. Nur war ich völlig darauf fixiert, den von mir gesuchten Sinn unbedingt in der Bedeutung volkswirtschaftlicher Forschung für die Menschheit zu finden, oder zumindest in der Schönheit der Mathematik. Einen anderen Weg gab es für mich einfach nicht.

Das blieb auch noch lange so, als jedermann klar sein musste, dass ich mich schlicht geirrt hatte, dass das Leben als theoretischer Forscher eben nicht mein natürliches Umfeld war und dass das Projekt so nicht funktionieren würde. Weder produzierte ich wahrlich menschheitsbewahrende Forschung noch zog ich irgendwelche Befriedigung aus meinen Anstrengungen. Trotzdem klammerte ich mich noch jahrelang mit Macht an diese fixe Vorstellung, bis ich einfach keine Kraft mehr hatte und sie meinen Händen regelrecht entwunden wurde.

Solche Einengungen der eigenen Vorstellungskraft zu lösen und Raum zur freien Selbstbestimmung zu schaffen ist seither zentrales Thema meiner Arbeit geworden.

Was war das für ein Gefühl, sich einzugestehen, dass Sie womöglich wirklich für lange Zeit am falschen Platz in dieser Welt waren?

Da gab es in der Tat einen konkreten Wendepunkt. Da sass ich eines Sonntags nachmittags in meinem Büro am MIT. Am Morgen hatte ich ein Karateturnier geleitet und irgendetwas, ein Austausch mit einem der Wettbewerber, ein völlig themenfremder, stiller Moment, hatte etwas in mir aufgeweicht und zum Nachgeben gebracht. Und dieses Nachgeben breitete sich in meinem Bauch aus, bis er ganz davon erfasst war und wie eine Springflut das ganze, verfestigte Gebäude des alten Lebens aus mir herausquoll. Das lief einfach und lief und lief verschwand schliesslich in der Ferne eine Anhöhe erklimmend am Horizont.

Das war‘s.

Da hatte sich mein Inneres endlich seinen Weg gebahnt und die alte Vorstellung losgelassen. Eine Woche später hatte ich mich aus dem akademischen Betrieb verabschiedet.

Das Sein sich selbst bestimmen zu lassen und zu akzeptieren, was es einem sagt, ist seither zu einer bestimmenden Leitlinie meines Lebens und meiner Arbeit geworden.

Sie begannen, sich in Kampfkünsten zu üben, später wurden die „inneren Kampfkünste“ wie Qi Gong  und Meditation immer wichtiger für Sie. Was kann man in Kampfkünsten über sich und die Welt lernen – und was mit Qi Gong?

Natürlich kann man auf unterschiedlichen Ebenen ganz verschiedene Dinge aus Kampfkunst, Qi Gong oder meditativer Arbeit lernen. Das aus meiner Sicht Wichtigste aber ist, dass sie einen Weg in die innere Wahrheit darstellen. Das scheint im Falle der Kampfkunst auf ersten Blick vielleicht etwas überraschend. Aber je weniger innere Hindernisse man in sich trägt,  desto leichter wird der Körper auch physisch und je weniger man sich selbst die Welt zustellt, desto einfacher kann man auch den Weg zu einem Ziel oder zu einem Gegner finden. Darum ist sich von inneren Hindernissen zu befreien auch für Kampfkünstler enorm wichtig.

Sowohl Kampfkünste als auch Qi Gong eröffnen einem einen Weg, den man aber immer noch selber beschreiten muss. Ganz gleich welche Werkzeuge man einsetzt und Hilfen in Anspruch nimmt, ist, sich nach innen zu wenden und sich Raum zu geben, sich selbst wahrlich zu sehen, knochenharte Arbeit. Dabei können Kampfkunst, Meditation und Qi Gong helfen, indem sie den Übenden entspannen und auf tiefen Ebenen anregen und öffnen.

Man kann aber noch so viel üben und sich trotzdem an den wichtigen Fragen vorbeimogeln. Das gilt sowohl für Kampfkunst als auch Qi Gong oder sogar Meditation. In allen macht man etwas und kann sich damit ablenken, das Getane zu perfektionieren. Davon abzulassen und wirklich nichts mehr zu tun, nicht mehr zu denken und nicht mehr zu wollen, ist eine ziemliche Herausforderung. Aber erst wenn man sich diesen Freiraum geschaffen hat, kann man sich nach innen wenden und ein wahres Dasein erlangen. Es scheint zunächst paradox, aber erst im völligen Loslassen entfalten die Übungen ihre Wirkung und erst wenn man nicht mehr nach einer Wirkung strebt, lernt man, sie für sich einzusetzen.

Was bedeutet Stille und warum ist sie wichtig?

Der Mensch beruhigt sich in dem Maße, in dem sein Inneres an seinem Leben teilhaben kann. Da gibt es zunächst einmal einen ganz natürlichen Reifeprozeß. Im Laufe des Lebens löst man sich aus der körperlichen und geistigen Fassung,  die einem am Lebensanfang mitgegeben wird und die es zunächst ganz ausfüllt. Je älter man wird, desto tiefer wird die Sehnsucht nach Authentizität und nach einem Sein, das man als das eigene erkennt.

Je mehr man dieses ausbilden kann, je mehr man sich selber zulassen kann und je wahrer man sich erkennt,  desto stiller wird man. Je abgeschlossener hingegen das Innere und je mehr Teile des inneren Raums unzugänglich sind, je härter und enger die inneren Mauern,  desto entfremdeter ist man von sich selbst. Das Entfremdungsleid, die Trennung von sich selbst, löst dann eine ständige Unruhe und Rebellion aus.

In Unruhe aber verliert man entscheidende Dimensionen seines Lebens, denn umgekehrt kann sich die Vielschichtigkeit des Seins erst in Stille entdecken und entfalten. Wenn man wirklich still ist und frei, auf jedem noch so kleinen Punkt seiner Existenz Halt zu machen, dann macht man die Entdeckung, dass ein solch unscheinbarer Punkt, auf dem man verweilt, sich wie ein unendlich vielgliedriger Fächer auffaltet und eine vieldimensionale Lebenswelt offenbart, die man sich zuvor gar nicht hatte vorstellen können.

Dabei wird dann wirklich neues, originäres Leben erschaffen und der eigenen Lebenswelt hinzugefügt. Es ist wie eine partielle Geburt. Der neugewonnene  Daseinsraum enthält eine ganz neue und völlig artikulierte Welt, die in jeder ihrer vielen Verästelungen bisher unbekanntes Sehen, Denken und Erfahren trägt. Man gewinnt freien Raum in sich und neue Weisen zu sein. Man vervollständigt seine Existenz und erweitert ihre Basis.

Die Erweiterung des Lebensraumes in Stille ist nicht nur eine schöne Erfahrung. Sie verschafft dem Menschen auch neue Kraft und macht ihn lebensfähiger.  In jeder sich in Stille auffaltenden Lebenswelt schwappt Energie umher, die dem Menschen zufliessen kann, aus jedem neuen Tiefenraum kann eine neue Eingebung erwachsen und in jeder unerforschten Windung wartet eine neue Art, auf die Welt zuzugreifen und mit ihr umzugehen.

In jedem Lebenspunkt liegt eine neue Form, die der Mensch annehmen und in die Welt bringen kann.  Dabei ist es ganz gleich, ob ein Kampfkünstler eine Tierform annimmt, um deren Energie zu kanalisieren oder ob ein Jurist kreative Eingebungen hat, um einen Vertrag zur Zufriedenheit aller Parteien zu gestalten. Je stiller der Mensch, desto größer die Basis auf der er mit dem Leben umgehen kann.

Das ist der Mechanismus hinter Schlagworten wie „In der Ruhe liegt die Kraft“.

Können Sie uns eine Übung der inneren Stille empfehlen?

Stille Üben ist etwas verzwickt, weil es darum geht, sich mithilfe eines Tuns, des Übens,  dahin zu bringen, gar nichts mehr zu tun. In jedem Menschen laufen ständig Prozesse ab, die seine Aufmerksamkeit beanspruchen und ihn von sich ablenken. Man ist, zumeist unbemerkt, gefangen in toter, innerer Aktivität, in Gedankenzwängen und Wollen, in einem inneren Druck, den man nicht genau benennen oder zuordnen kann. All diese ziehen einen Vorhang über das Innere und lassen den Menschen sich unmerklich von sich selbst weg wenden.

Üben, ganz gleich welcher Art,  lässt das innere Räderwerk ins Leere laufen und entzieht dem Aktivitätszwang, der einen unbewusst ergreift oder der bewusst aber übermächtig ist,  Ansatzpunkte und Kraft.

Die direkteste Übung ist, einfach äußerlich still zu werden und sich die Möglichkeit zu nehmen, den Beschäftigungsimpulsen Folge zu leisten. Das führt häufig zunächst einmal dazu, dass es im Innern anfängt zu rasen. Man wird von beinahe panischer Angst ergriffen, die sich meistens ein bestimmtes, willkürliches Objekt wählt, dass man seine Mails checken muss, unbedingt einen Anruf tätigen oder die Verkehrslage in Erfahrung bringen. Nach einem Weilchen lockert sich der Griff dieser Angst, man beruhigt sich und wird frei, sich nach innen zu wenden.

Üben enthält immer ein körperliches Element.  Der Geist kann sich nur zusammen mit dem Körper ausrichten. Geistige Verhärtungen haben eine Entsprechung im Körper. Wenn dieser  im Üben weich wird, lässt er die in ihm festgeschriebenen Strukturen los. Verhärtungen, auf die sich Drucksäulen aufbauen, die im Kopf Gedanken erzwingen, stürzen in die Tiefe.  Knoten lösen sich und Komplexität vergeht. Geist und Körper werden einfach und klar.

Körper und Geist lassen also alle horizontalen Verstrebungen vergehen und richten sich nach unten aus. Am einfachsten gelingt dies, wenn man ihnen eine äußere, vertikale Ausrichtung  vorgibt, also sich hinstellt. Ein halbe Stunde reicht meistens, um einen Beruhigungseffekt zu erzielen. Wer nicht so lange stehen kann, sitzt am besten gerade auf einem Hocker.

Am besten macht man das früh am Morgen, bevor man sich überhaupt hat verkrampfen können.

Wer das still stehen nicht erträgt, kann sich stattdessen durchschütteln. Einfach im Stehen eine halbe Stunde durchschütteln, irgendwann regnet im Körper alles hinab.

Ganz generell kann man mit aktiveren Übungen das Loslassen des Körpers beschleunigen und ihn weich machen. Dabei läuft man aber schnell Gefahr, dass man wieder etwas zu tun sucht und auch noch trachtet, es  „richtig“ zu machen, und sich so wieder konzentriert und ausrichtet und nicht loslässt und nicht sich schutzlos in sein Inneres fallen lässt. Je aktiver die Übung desto schneller wirft sie einen Befassungsvorhang über das Bewusstsein.

Stille kann sich nur einstellen, wenn man keine Gegenleistung fürs Üben erwartet. Sonst klammert man sich wieder an seinem Status fest und lässt nicht bedingungslos los. Es ist gerade das Einlassen auf die Ungewissheit, auf das Nichtverstehen, was man da tut, auf die, aus Sicht des Vorstellungsraums, mit dem man ins Üben hineingeht, scheinbare Ziellosigkeit, die Stille von zielgerichteten Gesundheitsübungen, wie man sie aus Yoga oder medizinischem Qi Gong kennt, unterscheidet. Im Loslassen und im Verzicht auf strukturiertes Tun, in der Reduktion auf reines Sein,  im Annehmen des Ungefähren und des absichtslosen Seins, liegen die ganz besondere Anstrengung und Wirkungsmacht stillen Übens.

Haben Sie auf Ihrem Weg viele Menschen getroffen, bei denen Sie das Gefühl hatten, sie seien am falschen Platz (oder die selbst etwas derartiges spürten)? Wenn ja, geht es so vielen Menschen so?

Kein Mensch existiert alleine, man ist immer eingebettet in seine Umgebung und nur mit ihr zusammen definiert. Dabei ist es ganz ähnlich wie im Verhältnis zu sich selbst. Man kommt in dem Maße an und verankert sich am richtigen Platz,  in dem man es schafft, sich mit den richtigen Tiefenräumen der umliegenden Welt zu verbinden. Ganz wie im Verhältnis zu sich selbst gelingt dies umso besser, je weniger man danach strebt, je weniger man die Verbindung nach aussen zu steuern sucht und je tiefer die Beruhigung der eigenen Existenz geht, so dass die richtigen Anknüpfungspunkte in der Welt sich spontan offenbaren.

Innerlich ruhig zu bleiben ist angesichts der Interaktion mit der Umwelt, die einem von dieser häufig auferlegt wird, nicht einfach. Viele Teile der Umwelt sind eher hart als weich und wirken auf Abschliessung als auf Öffnung hin. Insbesondere jede Wirtschaftsorganisation muss ja gerade den Willen der Arbeitnehmer auf ein äusseres, ihnen fremd vorgegebenes Ziel lenken, Abläufe automatisieren und Hierarchien schaffen, die es erst möglich machen bei komplexen Aufgaben nicht immer wieder am Nullpunkt zu beginnen. Sich innerlich los und neu entstehen zu lassen, sich aufzudecken und mit der Welt in originärer Schöpfung zu verbinden, wird natürlich nicht einfacher, wenn ein großer Teil der eigenen Existenz in vorgeschriebenen Formen festgehalten und automatisiert ist.

Je tiefer die eigene Stille ist, desto größer aber ist die Chance, nicht von der äusseren Verfasstheit völlig ergriffen zu werden, und, während äußere Teile des Seins festgehalten und bestimmt sind, im Innern sich still erneuern zu können und sich auf tiefer Weise am „richtigen“ Platz zu befinden. Dann mag immer noch nicht tiefen Sinn stiften, was man tut, aber es wiegt nicht so schwer,  man ist immer noch im Kern „richtig“ und verbunden. Wenn der Entfremdungsschmerz aber zu tief geht, und die Unruhe eine innere Verbindung nicht mehr zulässt, kann es sein, dass man nur mit einer äusseren Veränderung die innere Druckstelle lösen kann.

Ein nicht unerheblicher Teil davon ist schlicht Glück.  Um in einer Organisation wirklich anzukommen und erfolgreich zu sein hilft es sehr, wenn die eigenen Bedürfnisse nicht zu sehr von deren Kanten und Einschränkungen bedrückt werden. Man muss eben nicht nur Begabungen haben, sondern eben auch manche Talente nicht, sonst schaffen deren Bedürfnisse ständige Reibung, die große Bremswirkung entfalten kann. Nach oben schwimmen nicht immer die Begabtesten, sondern die, die am besten passen.

Wie oft sollte man Stille „praktizieren“ mit Qi Gong oder einer anderen Technik, um innere Ruhe im Alltag zu verspüren?

Stille Üben ist in vieler Hinsicht verwirrend. Zum einen stellen sich viele Wirkungen des Übens  erst nach einiger Zeit ein. Im langfristigen Trend erweitert Üben den inneren, stillen Raum und macht Freiheit und Ruhe zur Normalität. Es verschiebt die Parameter der Existenz insgesamt und belässt einen in einem weiteren, helleren Raum. Dies geschieht aber dadurch, dass Stille Üben innere Wahrheit ans Licht bringt und Verhärtungen auflöst – das fördert bei jedem Menschen nicht immer nur stilles Lächeln zutage. Es kann durchaus sein, dass eine Übungseinheit während und nach dem Üben erstmal eher für Unruhe sorgt.

Die beiden Effekte können für überraschend lange Zeit neben einander her laufen. Man kann also nach einer Übungseinheit zugleich eine große Portion Wut und Aggression spüren und helle Leichtigkeit, in der alles nicht mehr so schlimm ist. Irgendwann fliesst die erstere dann nach innen ab und nur die Stille verbleibt.

Die Übung in sein Leben einzubauen, ist selbst schon Teil der Übung. Im Verzicht auf die anderen Dinge, die man derweil tun könnte, erlebt man schon Autonomie. Auch die Entscheidung, wie lang und intensiv sie sein soll, ist eine Ausübung des freien Willens. Man muss dabei notwendig Kompromisse schliessen. Wenig üben oder nicht ganz tief konzentriert ist besser als gar nicht. Es ist auch kein Schaden, wenn man sich beim Üben nicht gut anfühlt.  Dann ist eben das  Imperfekte wahr. Wenn man sich die ganze Zeit quält, alles „richtig“ zu machen, kann man auch nicht loslassen.

Es ist gut, wenn man regelmässig übt, um die innere Öffnung als Normalzustand festzuschreiben und zu akkumulieren. Wie viel, ist eine Investitionsentscheidung. Auseinandersetzung mit sich selbst kostet nicht nur Zeit sondern auch Kraft und in den neu gefundenen Welten muss man sich erstmal zurecht finden.  Schon mit 25 Minuten am Morgen oder Abend kann man sehr viel  erreichen und ein Korrekturelement zur Beanspruchung durch den Tagesablauf finden. Wenn man wirklich Tieferes angehen will, braucht man entsprechend mehr. Mein eigener Tagesplan sieht immer mindestens zwei oder drei Stunden üben für mich selbst vor, plus Unterricht.

Ganz pragmatisch gesehen macht es sehr viel Sinn, die langfristige Auseinandersetzung durch intensive Übungsperioden anzuschieben. Dazu bieten wir in der Inneren Stille auch unsere intensiven Seminare an. Dann hebt man die Entscheidung, ob und wieviel man übt für ein paar Tage auf und erfährt nur die konzentrierte Wirkung des Übens. An einem solchen Schub kann sich dann der gesamte Dialog des Übens für mehrere Monate ausrichten.

Welche fünf Dinge gehören zu den wichtigsten, die Sie von Ihrem Lehrer, dem Karatemeister Kazumi Tabata gelernt haben?

Wirklich wichtig war nur eines – mich von ihm zu lösen und auf mich selbst zu verlassen. Der Weg, den ich im Karate gehe ist in vieler Hinsicht vielleicht unscheinbarer als der seine. Es wird immer vieles geben, das er kann und das ich nie können werde. In manchem gilt das umgekehrt aber vielleicht auch und das hätte sich nie entwickelt, wenn ich immer in seinem Fahrwasser geblieben wäre.

Meister Tabata ist einer der großartigsten Kampfkunstmeister unserer Zeit, mit tiefer Präsenz, Wissen und unfasslicher Begabung. Nicht viele Karatemeister haben auch fünf tiefgründige Theoriebücher geschrieben. Der Druck und die alles umfassende Beanspruchung, so eng mit ihm zu arbeiten, war sehr vergleichbar dem an der großartigsten Forschergemeinde unserer Welt, dem MIT.

Mehr noch als in nach aussen gerichteter, analytischer Forschung muss man es aber bei innerer Forschung darauf ankommen lassen, sie selber zu gestalten. Es geht ja gerade darum, innere Wahrheit, also das eigene Sein, hervor zu bringen.  Das kann einem niemand anders abnehmen und wenn es weniger strahlend und großartig aussieht, als ein geliehenes Sein, ist es doch durch seine Wahrheit echter und tiefer. Ich halte darum heute meine Teilnehmer sehr konsequent dazu an, im Üben einen eigenständigen Dialog mit sich selbst zu führen.

Nicht das Schillernde, sondern das Wahre zu wählen, war in Meister Tabatas Training immer ein implizites, wenn auch gut verstecktes Angebot. Er hat seine Schüler ungemein beflügelt und mitgerissen, aber fast nie etwas genau erklärt und auch auf Fragen immer nur ausweichend geantwortet. So schwebte immer eine positive, übermächtige Fülle im Raum, die einem alle Fragen abzunehmen schien und die man scheinbar eh nie würde übertreffen können. Andererseits war man gezwungen, Antworten selbst zu finden. Die gedankliche Leistung, das versteckte Angebot anzunehmen, seine Fülle zu hinterfragen, sich vom Großartigen aufs Eigene zu besinnen und selbständige Fragen zu stellen, war immens. Sie war aber auch die Basis, auf der meine ganze weitere Arbeit ruht und in der inneren Stille ihre originäre Entwicklung findet.

Vielen Dank für das Interview!

 

Kampfkunst und Innere Stille

Innere Stille und Kämpfen scheinen zunächst unvereinbare Begriffe zu sein. Bei näherem Hinsehen entdeckt man aber, dass echte Kampfkunst und Stille in enger Beziehung stehen.

Der Mensch wird nur still, wenn er einen Zustand unmittelbarer Wahrnehmung seiner selbst erreicht. Innere Schranken und Mauern verbergen ihm sein Inneres. Der eingeschränkten Wahrnehmung seiner selbst entspringt ein Verlustgefühl, das den Menschen in eine permanente Jagd nach Rechtfertigung seines Seins und Erlösung von der Sehnsucht nach sich selbst versetzt. Nimmt man hingegen sich und die Umwelt ohne Einschränkung wahr, hat man kein Verlangen mehr nach Fragen oder Rechtfertigung, da diese keine tiefere Antwort als die unvermittelte Empfindung geben könnten.

Man wird still.

In innerer Stille geschieht auch etwas Körperliches. Keine inneren Lasten stehen dem natürlichen Schwung und Impuls des Körpers mehr entgegen. Muskeln und Organe sind frei und können bis in die tiefsten Ebenen hinein zusammen schwingen. Auf diese Weise unbeschwert entfalten sie anstrengungslos ungeheure Kraft und Energie.

Diese Anstrengungslosigkeit stieß naturgemäß bei Kampfkünstlern auf großes Interesse. Die Idee der Beruhigung des Inneren, die sie voraus setzt, wurde von vielen asiatischen Kampftraditionen spätestens ab dem 7. Jahrhundert aufgegriffen und entscheidend weiter entwickelt.

Ein weiterer Grund, warum innere Beruhigung für Kampfkünstler von zentraler Bedeutung wurde, liegt in der Natur innerer Bewusstseinsschranken  – sie sind erfüllt von Angst. Angst ist die Kehrseite jeder Äußerung menschlichen Seins, sei sie noch so reich und schön. Auch das schönste Gefühl wirft einen Schleier über die innere Wahrnehmung und verleitet dazu, sich von sich abzuwenden. Von sich abgewandt, hält man am Erleben fest, denn man sieht sich selber nicht mehr und loszulassen scheint einen Sturz in ein furchterregendes Nichts zu bedeuten. Je mehr verfestigte Barrieren man in sich trägt, desto mehr fürchtet man das Loslassen des manifestierten Lebens. Man hat Todesangst.

Lähmende Todesangst zu überwinden und einen klaren Kopf zu bewahren, wenn es auf Leben und Tod ging, war für mittelalterliche Kämpfer naturgemäß sehr wichtig. Im geistigen Teil des Kampfsporttrainings findet man darum eine Fülle von Pfaden zu geistiger Beruhigung und innerem Frieden.

Wie in jeder meditativen Übungstradition sind Kampfkunsttechniken aber nur Gehhilfen auf dem Weg zu sich selbst. Geistiges und körperliches Kampfsporttraining macht dem Übenden ein Angebot, das er in vieler Weise nutzen kann. Wer es zur Unterstützung seines Pfades zur inneren Wahrheit annimmt, wird auf diesem beflügelt. Die substantiellen Schritte zur Offenlegung der inneren Wahrheit in all ihrer Anstrengung, Trauer und Schmerz, muss man aber trotzdem gehen.

Innere Verschlüsse zu öffnen ist schwer. Dies liegt zum einen an ihrer Beschaffenheit. Verschlossene Lebenswelten sind nicht gesund und man erfährt ihre Krankheit, wenn sie sich öffnen. Dann ziehen eingemauerte Angst, Schmerz und Dämonen schlechter Erfahrungen auf ihrem Weg nach draussen durchs Bewusstsein.
Die Öffnung innerer Blockaden bedeutet zudem häufig eine große Erschütterung und Neueinrichtung der Welt, die mit ungeheurer Wucht eintritt und viel Kraft kostet.

Zusammengenommen bildet all dies einen natürlichen Schutzwall um die verschlossene Stelle herum, die den Menschen, zumeist unbemerkt, immer wieder von ihr forttreibt.

Echte Öffnung innerer Mauern kommt nur auf zunächst sehr kontraintuitivem Wege zustande. Per Definition kann man nicht durch die Mauern durch sehen und nicht in die von ihnen verborgenen Welten hinein. Man sieht nur die Oberfläche seiner Blockaden und erahnt ihre wahre Tiefe und Natur nicht. Darum kann man sie von aussen nicht einreissen. Von innerhalb des Bewusstseinsrahmen, den sie setzen, kann man die Welt jenseits desselben nicht verstehen. Aktivität, die man in ihm entfaltet, läuft nur in dem von ihnen gesetzten Rahmen ab, hilft also meistens noch die Einengungen zu maskieren. Sie kann nicht über ihn hinaus führen.

Jeder Mensch hat aber eine natürliche Lebensenergie, die durch ihn hindurchfliesst und alle Teile seiner Lebenswelt erfasst. Wenn er diese ihren natürlichen Weg nehmen lässt, spült sie innere Hindernisse von selbst weg. Sie das tun zu lassen, erfordert aber volle Hingabe an sein Sein. Der Mensch kontrolliert sich nicht mehr, sondern vertraut sich gänzlich seinem Inneren an und lässt sich von diesem tragen, wohin es will. Meistens ist dies genau in die Regionen, die er unbedingt vermeiden will.

Den Impulsen, etwas tun zu müssen, zu entgehen und sich zu überantworten an das Sein, geben diesem die beste Chance sich zu entdecken. Sich ins Nichts fallen zu lassen, ist Voraussetzung dafür, sich selbst zu finden.

Kampfkunst regt den inneren Kreislauf in vielen verschiedenen Weisen an. Das Training macht den Körper weich und lässt Hindernisse ihren Halt verlieren. Formen giessen den Körper in günstige Bahnen. Im Kampf testet die Präsenz des Gegners, ob man sich wirklich über seine Ängste erhoben hat. Man lebt tiefe Urinstinkte aus.

In all diesem liegt aber Chance und Gefahr zugleich. Nur wenn man sich über sein Tun zu erheben wagt und in Training oder Kampf gänzlich darauf verzichtet, irgendetwas zu tun, und sich stattdessen gänzlich in sein Sein fallen lässt, kann das Training zu innerer Wahrheit und Stille führen. Dies erfordert einige Übung. Sich angesichts eines aggressiven Gegners in sein Nichts fallen zu lassen, und alle möglichen Aggressions- und Gefahrinstinkte aufzulösen, ist nicht einfach.

Kampfsport ist deshalb voll von Versuchungen und Gefahren für die innere Stille. Häufig wird er von einem Pathos notdürftig ummantelter Aggression oder umgekehrt von gestelzter Nichtaggression erdrückt. Wenn es sich um asiatische Künste handelt, kommt deren kulturelle Prägung, die häufig alles andere als innerlich frei ist, hinzu. Sich all dem zu entziehen ist für den Lernenden eine sehr schwierige Aufgabe.

Der Weg der Stille konzentriert Karatetraining auf das Wesentliche – den Mut sich zu verlieren. Ob rein kontemplativ oder das physische Vollprogramm, das Training ist auf innere Demut ausgerichtet. Es lässt dem Übenden keinen Ausweg als nach innen und zwingt ihn in die Weichheit. Es ist ein jeder Ausrede entkleideter, höchst wirkungsvoller Begleiter auf dem Weg zu seinem eigenen Ich.

Berlin, Januar 2012. Alle Rechte beim Autor, Malte Loos

Eine gekürzte Version dieses Artikels erscheint in der Februar 2012 Ausgabe des Magazins Sein.