Kunst und die Basis der Unmittelbarkeit

Ihr Lieben,

 

(Schaffen und Sein)

Unmittelbarkeit ist ein großes Ziel unseres Übens. Wenn man von einer Erzählung, Bezugnahme oder vorgefasstem Rahmen ablassen kann, gewinnt unser Hirn paradoxerweise erst Raum für Präsenz, Unverfälschtheit und flexible Sichten.

Solche Unverfälschtheit auch in seiner Außenwelt abzubilden, ist ein natürlicher Drang des Menschen. Wie in allem ist Innenwendung schwierig und man ist leicht versucht zu glauben, dass man es im Äußeren einfacher findet als in sich selbst.

Eine äußere Abbildung ungefilterter Substanz zu schaffen ist aber ziemlich schwierig, denn Referenzen und geistige Abbildungen sind unerlässliche Krücken, wenn wir uns in  der Welt fortbewegen. Jede Handlung, ganz gleich ob Faustschlag oder Pinselstrich benötigt Rückgriff auf Gelerntes, auf Kontrolle und abrufbare neurologische Muster. Wenn wir etwas erschaffen, finden wir uns unausweichlich in einem Spannungsfeld von Ungeformtem und in uns Geformtem. Wir wollen etwas nicht da Gewesenem Form geben mit Inspiration aber eben auch mit Werkzeugen, die in uns geformt und abgespeichert sind. Das gilt für einen Gedanken, ein Wort, ein Bild genauso wie für eine Skulptur oder eine Karatebewegung.

Meist orientiert sich Erschaffenes dann auch an Bekanntem, sei es in Kopie, Weiterentwicklung oder, besonders beliebt und befreiend empfunden,  Gegenreaktion. Ganz so wie wir es bei genauer Beobachtung auch in unseren Gedanken und Gefühlen wieder finden, die sich ja auch meist gegen etwas richten und nur gelegentlich auf etwas. Sie bauen auch fast immer auf unbewussten Prämissen auf. Eine bezugslose Essenz zu erschaffen ist im Inneren schon schwierig. Im Äußeren wird es noch seltener.

(Florenz und der Aufbruch der Renaissance)

Europa ist in seiner ganzen Ausdrucksweise nach dem Mittelalter von der Renaissance geprägt.  Renaissance, Barock, Rokoko oder Klassizismus leiten sich alle ab aus ein paar Jahrzehnten kreativen Feuers in Italien im 15. Jahrhundert. Die Wahrscheinlichkeit, dort einen bezugslosen, essentiellen Ausdruck zu finden, der sich eben an nichts orientiert und dadurch essentieller berührt als andere, die auf etwas Bezug nehmen, sollte also recht groß sein.

Und …voila…Anfang des Monats da gewesen und gleich dreimal fündig geworden.  Bei Da Vinci in den Uffizien, bei Donatello in San Lorenzo und im Dom Museum. Da gab es auf ihre Essenz reduzierte Bewegung und alle Form abschüttelnde seelische Erhöhung und manchmal beides zugleich. Eine Kreation, die keinen Bezug nimmt und sich nicht abgrenzt, aber gerade deswegen die Essenz dessen, was sie vermitteln will, besonders unverfälscht vermittelt und ins Hirn einsinken lässt. Und auf die sich alle nachfolgenden in irgendeiner Form beziehen.

(Irrwege der Betrachtung und ungesteuerte Empfindung)

Bei allen dreien, einem Gemälde der Anbetung der Heiligen Drei Könige von Da Vinci, den Kanzeln von Donatello in San Lorenzo und seiner Statue der Maria Magdalena gab es ein merkwürdiges Phänomen – das Hirn musste sich erstmal einsehen. Es wird erst einmal auf eine irreführende Bahn geführt, hin zur äußeren Form, die bei allen drei Werken erstmal gar nicht so attraktiv wirkt.

Dann aber scheint es, als ob sie alle drei ihre äußere Form abschütteln wie Einwickelpapier. Das Hirn kann sich gar nicht dagegen wehren, wegzudenken driften von seinem Versuch, das Gesehene in bekannte Muster einzuordnen. Stattdessen zieht sich die Gewahrsamkeit nach innen zurück und man erlebt die Botschaft des Werks nicht als ein Erkennen, Einordnen und Verstehen sondern als eine unkontrolliert einsickernde Empfindung, die durch das Stammhirn geistert und nicht zu stoppen ist. Man spürt, zum Beispiel Bewegung, und sieht sie nicht und hat auch keine Kontrolle darüber, wohin sie sich bewegt. Weder inhaltlich – Figuren scheinen sich zu bewegen obwohl sie es ja gar nicht tun – noch im eigenen Körpersystem, man kann gar nicht kontrollieren, wo die Bewegungsempfindung auftaucht.

 

Die instinktive Empfindung, die sich in einem bildet, muss zudem gar nicht unbedingt etwas mit dem Dargestellten, visuell Erfassbaren zu tun haben. In verschiedenen Weisen hinterliessen alle drei Werke eine Erhöhung im Innern. Als ob sie beim Abschütteln der äußeren Form auch die  äußere Form des Betrachters zerspringen lassen. Man spürt förmlich, wie man in die Höhe wächst. Erhöht wird. Größer wird. Und heller.

Bewegung als Eindruck – die Anbetung der Heiligen Drei Könige von Leonardo Da Vinci)

Die Essenz von Bewegung hat Leonardo Da Vinci in seiner Anbetung der heiligen Drei Könige erhascht. Da tummeln sich ziemlich viele eigentlich erstmal recht unfreundliche Gestalten. Tiefe Augenhöhlen, grimmige Mienen, die erstmal nicht so recht zum freudigen Ereignis zu passen scheinen. Sie bilden um das Jesuskind einen unregelmässigen Ring, sind nur zum Teil fertig gemalt und stoßen eher ab, als dass sie anziehen.

 

Wenn man sich aber ein bisschen Zeit nimmt und beispielsweise der Riege von jungen Männern hinter der Hauptszene Gelegenheit gibt zu wirken, vielleicht einen Moment in eines der Gesichter schaut, es ist eigentlich egal welches, das Pferd eingeschlossen, oder ihre Linie insgesamt wirken lässt, der empfindet bald ein gewisses Ziehen im Innern. Die Figur tritt auf einmal ganz plastisch hervor und man kann auf einmal gar nicht mehr sagen, ob er gerade nach links oder nach rechts geschaut hat. So unkontrolliert erwachen sie zum Leben, dass sie gleich aufstehen und loslaufen könnten, oder vielleicht auch schunkeln. Vor allem aber ist man nie sicher, was sie gerade tun. Bewegung blitzt in Fragmenten durch das Hirn, ungesteuert, intuitiv, ohne Objekt selbst generiert, fast priapisch fliehend.

 

 

Bewegung so zu erfassen,  dass sie sich vorbeischleicht an unserem Erkenntnisapparat und durchgreifen auf unsere im Stammhirn abgesicherten Intuitiven Bewegungsreflexe und Instinkte, dass sie in uns ein eigenes Leben annimmt, dass sie in uns das Reine an Abzweigung hervorruft – das ist essentielle Kreation. Das ist Bewegung pur, in reinster Form, die Da Vinci auf die Leinwand hat bannen können – so sehr, dass sie sich unserer Einordnung entzieht und ungeordnet in uns  Bewegung auslöst. Die können wir nicht mehr festnageln an einem Objekt oder Referenzrahmen oder einer Erzählung. Sie entgleitet uns und turnt einfach in uns herum.

Das ist reine Berührung. Ich würde sie gerne mal unter einem MRT angucken….

Alles was an Barocken Wolkenstürmen, Rubensschen Figuren Gesten,  Schlachtengemälden etc,  danach folgt, nimmt solch reine Bewegung auf und setzt sie unterbewusst voraus. Klebt sie aber an ein Erzählungsobjekt und hält uns im urteilenden, einordnenden  Bereich fest. Dagegen ist nichts einzuwenden. Aber Da Vinci’s Bewegung rauscht direkt an dem vorbei und vermittelt uns das reine Konzept von Bewegung. Das ist echte Ursprünglichkeit.

(Bewegung und Erhöhung – Donatello)

Donatello hat das 40 Jahre früher in seinen Kanzeln in San Lorenzo auch geschafft, zumindest in seiner Darstellung der Vorhölle. Da geistern die Verdammten in genau solch einer nicht fassbaren Bewegung auch schon herum. Davon gibt es leider keine guten Bilder im Netz.

Außerdem gibt es an dieser Kanzel eine Figur, die noch etwas anderes auslöst. Jesus steht vor Pilates und die Frau des Landpflegers stellt ihn vor. Sie bildet mit ausgestreckten Armen geradezu eine Brücke zwischen Pilates und Jesus. Wie alle anderen Gesichter ist ihres nur angedeutet und hohläugig. Wenn man sie aber ein bisschen länger betrachtet, erfasst einen eine ganz ähnliche, nicht kontrollierbare Empfindung – eine innere Erhöhung.

(Noch viel höhere Erhöhung – Maria Magdalena)

Dieses Erhöhungsgefühl verschafft in noch viel größerer Intensität eine andere Skulptur Donatellos – das Holzbildnis der alten Maria Magdalena. Donatello hat hier das Material gewechselt und löst entsprechende Assoziationen aus. Man sucht es erst als alpenländische Schnitzerei einzuordnen und ruft Erkennungsmuster aus einem Landshuter Souvenirshop ab. Oder aus einem Gruselkabinett. Hübsch ist sie erstmal nicht. ( Das Dommuseum stellt in anscheinend erzieherischer Absicht noch zwei Bildnisse von Maria Magdalena in jungen Jahren in den selben Raum.) 

 

Aber diese süßlichen und gruseligen Empfindungen weichen ziemlich bald einer ganz anderen. Wie lästige Ketten schüttelt die Figur die vorgefertigten Einordnungen ab und macht sich an ihr eigentliches Werk, das mit dem Bildthema der Figur gar nicht zu tun hat. Es ist nämlich formlos – man spürt sich nur auf einmal im Innern wachsen. Genau wie die Figur scheint man die äußeren Grenzen des Körpers abzuschütteln und zu durchbrechen. Man kann sich nur mit einigem Erstaunen dabei zu sehen, wie man erhöht wird. Auch erhellt. Und etwas verbreitert.

 

Es ist sehr instruktiv sich die Gesichter anderer Besucher dabei anzuschauen. Die verfallen alle in eine unkontrollierte Entspannung. Die kontrollierenden Elemente des Bewusstseins werden geschwächt, die Gesichtszüge weicher. Es ist kein kindisches Lächeln und sie sehen auch nicht also sie gerade Gras geraucht haben oder LSD genommen. Aber die Erhöhung lässt alle geformten Befassungen offensichtlich klein werden, löst die innere, analytische Struktur auf und lässt eine heitere, erhöhte  Klarheit an ihre Stelle treten.

Also ganz ähnlich einem Stille Seminar.

Ganz ähnlich zu einem Stille Seminar ist die Erhöhung auszuhalten emotional ziemlich anstrengend. Sie wirkt nach und auch wenn das Bewusstsein gerne wieder zu seinem vertrauten, fassbaren Terrain zurück kehren würde, kann es das nicht so einfach.

 

Donatello hat es also wiederum geschafft, beim Betrachter das gewohnte Einordnungssytem auszuhebeln und im Stammhirn ein unsteuerbares Gefühl von Grösse und Erhebung auszulösen. Es ist viel stabiler und ruhiger als die Bewegungsvielfalt Da Vincis, weniger sexuell geladen und dynamisch, dafür viel umfassender, beruhigender und tiefer. Es verschmilzt den Betrachter zu einer Einheit, die aber leicht und belebt ist und bildet dazu den genauen Gegenpol zu Da Vincis Chaos.

Im Ergebnis kann also wer will sich ganz viel innere Arbeit sparen und sie bei den richtigen Künstlern abholen. Man muss nur die richtigen finden und die müssen die Gelegenheit gehabt haben in Zeiten von offenem Umbruch zu arbeiten und trotzdem die notwendigen Ressourcen und das nötige Umfeld für Austausch und Lernen zu haben.

(Soziales Umfeld und Stütze)

Der gesellschaftliche Grundkonsens bestimmt ganz wesentlich was wir denken und fühlen können. Donatello, Brunelleschi und Botticelli hatten es in gewisser Weise einfach. In kulturell stabilen Zeiten, in denen die Normen infrage zu stellen auf Widerstand stösst, kann man nicht so frei und befördert arbeiten, wie sie es haben tun können. Wenn das Umfeld es nicht will, wird auch das grösste Genie nicht zum Neuerer sondern zum kämpfenden Spinner. Soziales Urteil kann ungeheuer fördern aber Bauchbremsen.  Ihre Zeit und ihr Ort stellten den Genies geradezu perfekte Bedingungen zur Verfügung, deren Spuren auch heute noch zu besichtigen sind.

 

(Wirtschaftliche und soziale Revolution)

Der  Nährboden, auf dem diese Geniestreiche entstanden sind, hatte erstmal eine ökonomisch/ soziale Komponente. Es gab eine ungeheure Zusammenballung von Kapital in der Stadt im 15 Jahrhundert. Da steht ein Renaissance Bankierspalast neben dem anderen, die ganze Innenstadt ein riesiges Bankenviertel. Die Florentiner hatten richtig Kohle, um sich Kunst leisten zu können.So reich geworden sind  die Bankiers dort aber eben genau, weil sie eine andere Form des Wirtschaftens erfunden, ganz wie die Künstler eine neue Form des Seins erfinden sollten. Mit der Einführung von Banken konnte, wer etwas übrig hatte, es jemand anderem geben, ohne ihn zu kennen. Das gab es vorher nicht. So konnten Projekte gestartet werden, die vorher nie im Leben in die Welt gekommen wären, weil sie an kein Kapital gekommen wären. So ist es kein Wunder dass die italienischen Städte im 12. und 13. Jahrhundert die deutschen Feudalheere abschütteln wollten ( und es auch geschafft haben letztlich. ) Sie waren einfach viel fortschrittlicher und effizienter als die ländliche Wirtschaftsweise Deutschlands. Das war  ein Menschheitssprung genauso groß wie der in der Kunst. Und eben auch einer, der den Geist öffnete für Neues. Die wirtschaftliche Revolution öffnete den Geist für Ungewohntes (Umgekehrt natürlich dann auch). Das machte sich bemerkbar in der republikanischen Verfassung ( wenn auch mit oligarchischem Einschlag für lange), die eben ein ganz anderes denken voraussetzte aber eben auch förderte.  Und so zu einer generellen Offenheit zu anderen Ideen führte.

(Kultureller Tidehub)

Und kulturell war da schließlich dieser Tidehub, der alles zugleich nach oben trug. Wenn man in die Kirchen geht, sieht man dort Unmengen an Fresken und Skulpturen, von denen viele nicht genial sind, aber ein Teil der  Konversation, wo jeder immer wieder einen kleinen  Schritt nach vorne macht und den Diskursraum bereichert, aus dem die Genies dann ihre Einfälle beziehen. Das war ein hoch konzentrierter Diskursraum, der Anregungen und Entwicklungen ermöglichte und an dem auch diejenigen, die sich nicht ganz lösen konnten aus der kirchlichen oder ander hergebrachten Verfassung wichtige Schritte machten. Als Beispiel eine Kapelle aus Santa Maria Novella.

 

Ganz praktisch sind die Spitzenkünstler abends nach der Arbeit ja alle zu Lorenzo de Medici nach hause zum Saufen gegangen und haben geklönt. Der Palazzo Medici Riccardo ist insofern gesehen ein geschichtlicher sehr bedeutsamer Ort und ein echter Schmelztiegel, den er geschaffen hat.

 

Zusammenfassende Lehren:

 

  1. Wer mir nicht glaubt, dass es Innere Stille gibt, fahre nach Florenz und stehe dort lange genug an den Museen an. Dort kriegt er es unwiderlegbar vorgeführt.
  2. Ursprüngliche Genese braucht einen Hintergrund. Dazu gehören harte Grundlagefaktoren ( Kapital) genauso wie weiche.
  3. Auch die vielen kleinen Schritten im Üben und Lernen, die eher ermüden als große Fortschritte zu bringen scheinen, sind sehr fruchtbar und notwendiger Teil des Erkenntnisprozesses. Man muss sie geduldig ertragen und lieben lernen. Da gilt für eine gesellschaftlichen Organismus genauso wie für uns als Einzelne.
  4. Man soll die Parallele zwischen Gesellschaft und Einzelnem nicht zu sehr übertreiben. Wir habe einen viel größeren Einfluss auf das, was wir tun und empfinden als eine Gesellschaft, die ja ganz automatisch mit  viel mehr Macht und Willenszentren ausgestattet ist. Die günstigen Bedingungen, um eine erzählungslose Kreation im Innern zu erschaffen, können wir viel leichter erschaffen, als  in einem ungeordneten gesellschaftlichen Prozeß. Innenwendung kann man mit einem geistigen Impuls auch selbst bewirken. Dann taucht sie auch nicht nur alle 500 Jahre einmal auf.

 

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