Prüfungsprotokoll

Ihr Lieben,

 

ich habe auch mal wieder eine Prüfung gemacht ( immer nur welche abnehmen ist ja auch langweilig) und bin jetzt Heilpraktiker für Psychotherapie. Die mündliche Prüfung war in ihrer Intensität richtig goldig, so sehr, dass ich ein Gedächtnis Protokoll für sie geschrieben habe.

 

Hat Spass gemacht …

 

 

Gedächtnisprotokoll: 

Mündliche Prüfung zum Heilpraktiker Psychotherapie – Gesundheitsamt Lichtenberg – 16. Mai 2018

Prüfer waren eine Oberärztin und ein Assistenzarzt aus dem SPD Lichtenberg, sowie als Beisitzer ein gewisser Christoph Mahr, der laut der Empfangsdame eine Heilpraktikerschule in Berlin leite. ( Interner Witz, bei dem hab ich meinen Kurs gemacht.)

(Vorbereitung)

Prüfung beginnt ca 15 Minuten verspätet. Leicht absurde Szenerie, an einen Jacques Tati Film erinnernd. Das Gesundheitsamt sitzt in einem sehr kränklich wirkenden Plattenbau. Wäre er ein Mensch, hätte er eine sehr ungesunde Gesichtsfarbe. Das Treppenhaus riecht förmlich nach Asbest, das Haus scheint sich an sein Skelett geklammert gerade noch aufrecht zu halten und ergeben auf den Abriss zu warten. 

Auf dem 5. Stock ein langer schmaler Flur, an dessen Ende meine Mitkandidatin im Sonnenschein vor der offenen Notausgangstür Qi Gong Übungen macht. Derweil laufe ich vor dem Prüfungsraum wie ein nervöser Tiger auf und ab. Die Mitarbeiter des Gesundheitsamts gehen mit unbewegten Gesichtern vorbei, jaja, die Heilpraktiker sind wieder da. Aus ihren Augen spricht, dass sie Kummer mit denen gewohnt sind. 

(Prüfung erster Teil)

Die Prüfer erscheinen und sind ca halb so alt wie wir. Wir sitzen zu zweit auf der einen Seite des Tisches, sie zu dritt auf der anderen. Vorstellung und Abklärung der Formalien. Meine Mitkandidatin kann sich nicht entscheiden, also fange ich an und ziehe aus sechs angebotenen eine grüne Karteikarte zur sofortigen Beantwortung.

In der Vorbereitungssitzung zur mündlichen Prüfung in Lichtenberg bei Christoph hatte die Vortragende erklärt, zu 70% gebe es im ersten Durchgang Rechtsfragen, zu 30 % Therapiefragen und sonst eigentlich nichts. Meine Karte hält sich da nicht dran und fragt: 

Welche Klassifikationssysteme gibt es und was für Untergruppen von Störungen? Außerdem, welche Störungen darf ich als Heilpraktiker nicht behandeln?

Nichts fand ich langweiliger in der Vorbereitung als die ICD 10 auswendig zu lernen. Zum Glück habe ich es in den Tagen vorher aber eben doch getan, die schriftliche Prüfung war ja sehr darauf fokussiert gewesen. Und so kann ich bei acht von zehn Untergruppen mit fester Stimme die Nummer angeben und zumindest die wichtigsten Störungen darin. Bei F5 und F8, mit denen ich noch nie was anfangen konnte, nuschel ich leicht, das fällt aber niemandem richtig auf. Die Ärztin ist zufriedener als ich. 

Sie fragt dann noch nach Details einer der Störungsgruppen, ich wähle die affektiven. Sie interessiert sich besonders für schwere Depressionen, wie unterscheidet man die von leichteren? Für Depressionen gibt es einen Merkmalskatalog, den ich runterrassele  – je mehr Symptome davon vorhanden, desto schwerer der Grad der Depression. Bei schweren Depressionen ist außerdem immer das somatische Syndrom vorhanden, Morgentief, etc.. „ Aha, gut und was noch?“ fragt die Ärztin. Irgendwie erahne ich worauf sie hinauswill – „ Es kann psychotische Symptome geben!“- sie lächelt zufrieden und stoppt mich, als ich auch noch alle depressiven Wahninhalte aufzählen will. Irgendwie hat sie gemerkt, dass ich jetzt gerne alles abladen würde, was ich gelernt habe. 

Nicht zu behandeln von mir? – Alles was mit Medikamenten zu tun hat. Also Schizophrenien, schwere Depression und Manie, Delire. Keine körperlichen Ursachen, wie z.B. organische Demenzen. Epilepsie, schon gar nicht per OP. Da nur begleitend und stützend. Die Ärztin ist zufrieden. 

Meine Mitkandidatin hat es einfacher. (Finde ich. Sie auch, sagt sie im Nachhinein.). Ihre Karte fragt nach Neutralität und Abstinenz in der Psychoanalyse. Außerdem ob sie den Partner ihrer besten Freundin behandeln würde und was sie davon hält auf die Geburtstagsfeier einer Klientin zu gehen. Sie erläutert die Abstinenz sehr gut – Fernhalten vom sozialen Kreis des Klienten. Neutralität, also als Analytiker keine persönliche Meinung zu äußern, fällt irgendwie unter den Tisch oder ich habe nicht richtig zugehört. Die Frage nach dem Umgang mit persönlichen Beziehungen beantwortet sie sehr vage ( „Wäre ich vorsichtig.“ , „eher nicht,“ etc.), fährt damit aber sehr gut. Die Oberärztin ist zufrieden. 

Wir machen die Balkontür mal wieder auf, die schon beschlagen war, so schwül wurde es in dem Raum. Ich verfluche das Jackett, das ich mir zur Feier des Tages angezogen habe. 

(Prüfung 2. Teil) 

Der Fall (super interessant):

Eine 69 jährige Nonne kommt zu mir. Sie werde von den anderen Nonnen in ihrem Kloster gemobbt. Schon seit ihrer Kindheit hatte sie eine besondere Beziehung zu Gott und seit ihrer Pubertät Visionen. Dann sehe sie Dinge in goldenem Strahlenkranz. Für diesen direkten Blick ins Göttliche müsse sie immer wieder büßen, mit tiefem Schlaf und Erschöpfung. Die anderen Nonnen nehmen sie nicht ernst und schlagen ihr vor, sie solle doch mal dem Papst schreiben.

Die 5 Minuten Vorbereitungszeit schöpfe ich voll aus, denn erstmal scheint nichts so recht zu passen und ich fühle mich recht verloren. Da ein eindeutiger Heureka Moment nicht auftauchen will,  zwinge ich mich, systematisch die Störungen und mögliche körperliche Ursachen durchzugehen, um etwas zu finden, das zu den geschilderten Symptomen halbwegs passt. Auch die Fragestrategie und Fremdanamnesestrategie scheinen hier wichtig, denn mit den vorhandenen Infos ist mir nicht eindeutig klar, was hier vorliegt. 

Das entwickele ich dann auch für die Prüfer. 

Die Nonne kommt ja selbst zu mir, also ist sie nicht völlig psychotisch oder depressiv. ( Guter Punkt, nickt die Ärztin.)

Die anderen mobben sie. Das kann stimmen oder auf eine Paranoia hindeuten – Persönlichkeitsstörung? Verfolgungs- oder Beziehungswahn? Schizophrenie?  Der Assistenzarzt nickt begeistert. 

Die Gottesnähe – eine überwertige Idee par excellence. Manie? Geht sie sogar Richtung Größenwahn? Beide Ärzte nicken.

Die Visionen  – aus dem Text geht nicht so recht hervor, ob ihr unbekannte Objekte erscheinen –  die Muttergottes im Strahlenkranz? Oder nur ihre Zahnbürste im Strahlenkranz? (Ärztin nickt, das sei ihr auch aufgefallen.) Danach schläft sie tief. Das erregte Halluzinieren von Objekten gepaart mit plötzlichem Schlaf lässt mich neben Schizophrenie auch  an ein Delir denken. (Ärztin verzieht das Gesicht ). Zu einer reinen Wahrnehmungsstörung bekannter Objekte gefolgt von tiefem Schlaf habe ich mir  Epilepsie aufgeschrieben (Ärztin strahlt.) Man sollte sie fragen, ob Gott ihr auch schon mal in die Zunge gebissen hat, oder ob sie Urin lassen musste als Strafe. Das würde einen Epilepsieverdacht stützen. 

Epilepsie war das Zauberwort, ab da ist es ein kooperatives, kollegiales Gespräch, keine Prüfungskonfrontation mehr. Dementsprechend geht es auch etwas drunter und drüber. VD bleiben Epilepsie oder halluzinatorische Schizophrenie. 

Sowohl in der Vorbereitung als auch im Vortrag blieb ich immer wieder gedanklich daran hängen, dass die Visionen ja schon seit 50 Jahren bestehen. Darum halte ich eine Schizophrenie für nicht so wahrscheinlich, denn kann man unverändert über 50 Jahre immer wieder psychotische Schübe mit genau denselben Symptomen haben? Die Ärztin hält das für möglich.  Bei Epilepsie kann ich mir das eher vorstellen, sie auch. 

Um eine Schizophrenie auszuschliessen, brauchen wir hier dringend eine Fremdanamnese. Wir müssten die Nonne also dazu kriegen, dass sie mit der Schwester Oberin, o.ä. wiederkommt. Oder uns ins Kloster einlädt. 

Einen Tumor oder sonstige organische Ursachen schliesse ich wegen der 50 Jahre Beständigkeit aus. Die Ärztin fragt, woher ich denn weiss, dass die Symptome tatsächlich so lange bestehen. Vielleicht hat sie erst seit zwei Jahren einen Tumor, der ihr neben den Visionen auch die Überzeugung gibt, die seien schon immer da gewesen – guter Punkt…mehr kann ich dazu nicht sagen. Daran, der Nonne in dieser Hinsicht nicht zu glauben, hatte ich schlicht nicht gedacht. Wieder ist die Fremdanamnese kritisch. 

Ich bringe zur Sprache, dass die Nonne ja vermutlich gar keine Krankheitseinsicht und vielleicht auch gar keinen Leidensdruck hat. Sie ist aus ihrer Sicht halt schlicht nur die tollste Nonne und die anderen weniger toll und ferner von Gott. Wenn sich körperlich nichts findet, bin ich nicht so sicher, dass man überhaupt therapeutisch eingreifen muss. Fällt sie wirklich aus dem Rahmen im Kloster? Den Rückzug des Klosterlebens kann man als Negativsymptomatik von Schizophrenie deuten, oder eben auch als Lebensentscheidung.  Vielleicht sind die alle so. Die Ärzte stimmen zu. Ohne Leidensdruck kein Krankheitswert. Sie erkennen das als neuen Gedanken zum Fall an. 

Entsprechend problematisch würde auch die Fremdanamnese. Wie kriegt man sie dazu, Kontakt mit den anderen Nonnen zu zulassen? Zur allgemeinen Erheiterung schlage ich vor, dass sie andere Nonnen, die nicht so toll sind wie sie, mitbringt, um untersuchen zu lassen, was an denen denn falsch ist. 

Die Ärztin fragt noch, was genau in der Fremdanamnese wir denn in Erfahrung bringen wollen, liefert die Antwort, bevor ich überhaupt irgendetwas sagen kann, aber gleich selber mit – Stimmt, was die Nonne erzählt hat? Oder greift sie ihre Mitnonnen körperlich an? Benimmt sie sich sonst bizarr?  Und seit wann ist das so?

Ich schlage, falls sich die körperlichen Verdachtsmomente nicht bestätigen und sich aus der Klosteranamnese keine weiteren Anzeichen für Schizophrenie ergeben, ein Coaching der anderen Nonnen vor, um mit den Absonderlichkeiten unserer Nonne umzugehen. Allgemeines Nicken. Die Prüfung ist beendet. 

Meine Mitkandidatin hat den Fall des Ehemannes, der erst wochenlang mit Kopfweh herumliegt und dann nachts plötzlich Zimmer renoviert und vom Dampfer in die Havel springt. Sie steuert gemächlich auf eine Biploarität zu und verbringt viel Zeit damit zu diskutieren, ob sie der Frau glauben kann. Die Ärztin nickt sie wohlwollend entlang. 

(Nachgang)

Nach kurzer Beratung ruft man uns hinein und wir haben beide locker bestanden. Die Ärztin meinte, ich sei am Anfang wohl nervös gewesen, das Wissen sei ja da, warum ich so gehaspelt hätte. Ehrliche Haut, die ich bin, gestand ich, dass das Wissen mangels Interesse an F5 und F8 eben doch nicht ganz so klar war wie in anderen Bereichen. Sie lacht. Wir bedanken uns, holen unsere Rechnungen und gehen zur Sonne, zur Notfalltreppe. Die hinunter ist ein schöner Weg nach draussen.  

Ich habe mit Christoph nochmal am Telefon gesprochen und den einen Punkt angesprochen, den ich in seinem Kurs und im Skript anders machen würde – nämlich die Ausrichtung des Skripts am triadischen System aufzugeben. Ich fand das beim Lernen eher verwirrend und wenn die Tendenz, die Prüfungen so nah an der ICD 10 auszurichten, bestehen bleibt, ist es auch prüfungstechnisch nicht förderlich. Ich hoffe, er hat das als konstruktiven Vorschlag aufgenommen. 

Ansonsten waren der Kurs, seine Klarheit, die Einführung ins diagnostische Denken, das Umfeld, das er geschaffen hat und die Kontakte, die man bei ihm knüpfen konnte, nämlich allesamt großartig. 

Vielen Dank Christoph und viel Erfolg allen zukünftigen Kandidaten!

Malte Loos

 

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